Wirtschaftsstreit
Wer hat das bessere Rettungskonzept?

Nach Merkels Kritik an der Geldpolitik der US-Notenbank streiten Europa und die USA erneut über die richtige Wirtschaftspolitik: Die Amerikaner halten den Kurs der Europäer in der Krise für zu zögerlich. Der wirtschaftspolitische Konsens des G20-Gipfels in London ist in Gefahr.

LONDON/ZÜRICH/WASHINGTON. Die Kritik von Bundeskanzlerin Angela Merkel an der lockeren Geldpolitik der US-Notenbank hat den Streit über die richtige Wirtschaftspolitik zwischen Angelsachsen und Kontinentaleuropäern neu entfacht: Die Amerikaner halten sich selbst für pragmatisch, die Europäer für zu zögerlich. Hier wiederum werden Amerikaner und Briten als Hasardeure geziehen. Damit wird klar, dass der wirtschaftspolitische Konsens vom G20-Gipfel in London nur zwei Monate gehalten hat

„Merkel glaubt, es handele sich bei der Krise nur um einen Schluckauf“, sagt der konservative Politikexperte John Hulsman, der lange bei der Heritage-Foundation gearbeitet hat. „Tatsächlich aber stecken wir in einem tiefen Schlamassel.“ Daher müssten die Maßnahmen global koordiniert werden. „Doch die Deutschen denken isoliert, blicken vor allem auf sich und übersehen dabei das große Ganze“, kritisiert Hulsman.

Auch bei der Regulierung der Finanzmärkte ist vom Konsens der G20 nicht viel übrig geblieben. So mahnt US-Finanzminister Timothy Geithner strengere öffentliche Stresstests für Europas Banken an – nach US-Vorbild. „Unberechenbar und manchmal inkonsistent“ sei die deutsche Finanzpolitik, wenn es um eine neue Finanzarchitektur gehe, klagt auch ein Beamter aus dem britischen Finanzministerium.

Dass der Konflikt auf unterschiedlichen Interessen basiert, zeigt der Streit über die Regulierung der Hedge-Fonds. Deutschland und Frankreich fordern seit Jahren eine strengere Aufsicht, konnten sich damit aber erst in der Finanzkrise durchsetzen. „Beiden Ländern fällt es leicht, drakonische Regeln zu fordern, schließlich gibt es weder in Paris noch in Frankfurt eine nennenswerte Hedge-Fonds-Industrie“, ätzt ein Beamter im Londoner Finanzministerium.

Merkel hatte die expansive Geldpolitik der Zentralbanken und deren ungehemmten Schuldenaufkauf kritisiert. Besonders im Visier steht die US-Notenbank Fed, die Schulden im Wert von bis zu 300 Mrd. Dollar in ihre Bücher nehmen kann. Das „Wall Street Journal“ begrüßte Merkels Abmahnung der Notenbanker mit der Schlagzeile „Hallelujah, Schwester“. Das war aber die Ausnahme. Quer durch die US-Reihen herrscht Konsens, dass man dieser Krise nur mit gewaltigen Maßnahmen Herr werden kann.

Gerade in der Geldpolitik hat der transatlantische Streit eine lange Tradition. US-Notenbank-Chef Ben Bernanke konterte Merkels Angriff trocken, aber treffend mit dem Hinweis, dass auch Deutschland von der Finanz- und Wirtschaftskrise nicht verschont geblieben sei. Hinter verschlossenen Türen machen Notenbanker und Ökonomen in den USA kaum einen Hehl daraus, dass sie die Geld- und Finanzpolitik der Europäer für zu zögerlich und risikoscheu halten. Nichts fürchten die amerikanischen Zentralbanker mehr, als „behind the curve“ zu sein – der wirtschaftlichen Entwicklung hinterherzulaufen.

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