Wirtschaftswachstum
Der Reformstau macht Italien zum Hinterbänkler

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70 Milliarden jährlich für die Schulden

Pro Jahr muss Italien allein 70 Milliarden Euro aufwenden, um seine laufenden Schulden zu bedienen. Falls die EZB eines Tages die Anleihenkäufe einstellen sollte, dürften die Renditen steigen und damit auch die Kapitalkosten wieder.

Die EZB habe der Regierung in Rom mit dem seit März 2015 laufenden Erwerb italienischer Staatsanleihen im Volumen von bislang 300 Milliarden Euro auch Zeit für Reformen gekauft, so Ökonomie-Professor Gustavo Piga von der Tor-Vergata-Universität in Rom. „Das EZB-Programm hat uns riesige Vorteile gebracht, die wir nicht genutzt haben.“

Statt mehr Geld in Bildung und Infrastruktur zu stecken, habe Rom in den zurückliegenden Jahren lieber Steuergeschenke verteilt und Firmen gepäppelt: Unternehmen erhielten steuerliche Anreize, mehr Personal einzustellen, in Maschinen zu investieren und ihre Forschungsaktivitäten zu steigern. Laut Wirtschaftskenner Perotti werden sich diese „Doping“-Maßnahmen als Strohfeuer erweisen: „Die Erfahrung lehrt, dass die Investitionen abbrechen, sobald die Vergünstigen auslaufen.“ Von den 387.000 im vorigen Jahr neu eingestellten Beschäftigten besaßen 94 Prozent nur prekäre Zeitverträge. Dabei hatte die Regierung des früheren Ministerpräsidenten Matteo Renzi mit ihrer Arbeitsmarktreform doch beabsichtigt, mehr Italiener in Festanstellungen zu bringen.

Auch wenn die Wirtschaft zwischen Südtirol und Sizilien dieses Jahr so schnell wachsen sollte wie seit 2010 nicht mehr, warnt Renzis Nachfolger Gentiloni vor überzogenen Erwartungen: „Die in der Krise geschlagenen Wunden sind noch nicht verheilt.“ Italiens Wirtschaft hatte in der Rezession nach der Weltfinanzkrise mächtig Federn gelassen und rund neun Prozent des Bruttoinlandsproduktes eingebüßt.

Und der Bankensektor ächzt bis heute unter einem milliardenschweren Berg fauler Kredite. Zehn Geldhäuser mussten in den Nachwehen der Krise ihre Tore schließen. Zudem liegt die Arbeitslosenrate in Italien mit 11,1 Prozent über dem Durchschnitt der Euro-Zone.

Bei BMC sind Entlassungen jedoch kein Thema: Zuletzt wurden noch zehn Mitarbeiter eingestellt, um die Nachfrage aus mehr als 90 Ländern nach Luftfiltern „Made in Italy“ zu bewältigen.

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Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur

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