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Wirtschaftswissenschaften: Ökonomen streiten über Verteilungsfrage

Die Einkommensungleichheit destabilisiert die Volkswirtschaften, sind immer mehr Ökonomen überzeugt. Viele von ihnen sehen in der wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich auch die Ursache für die weltweite Finanzkrise.

Arm und Reich: Viele Ökonomen nehmen die Verteilungsfrage wieder ernst. Quelle: dapd
Arm und Reich: Viele Ökonomen nehmen die Verteilungsfrage wieder ernst. Quelle: dapd

BerlinDer Klassenkampf war lange verschwunden aus dem Vokabular der Ökonomen. Die meisten Forscher interessierten sich nicht mehr für die Unterschiede zwischen den einzelnen Schichten der Gesellschaft, zwischen Armen und Reichen, Arbeitenden und Vermögenden. Die Stoßrichtung gab Nobelpreisträger Robert Lucas vor: Ökonomen sollten sich nicht von der gefährlichen Versuchung verführen lassen, sich mit Verteilungsfragen zu beschäftigen, schrieb er vor gut zehn Jahren. Wer den Wohlstand mehren wolle, der solle nicht umverteilen, sondern für Wachstum sorgen.

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Inzwischen aber findet in der ökonomischen Zunft ein Umdenken statt - immer mehr Volkswirte nehmen auch Verteilungsfragen wieder ernst, wie eine Konferenz des "Forschungsnetzwerks Makroökonomie" zeigt, die in der vergangenen Woche in Berlin stattfand. Auf Einladung der Hans-Böckler-Stiftung diskutierten mehr als 300 Volkswirte über die Zukunft der makroökonomischen Forschung. Die Einkommensverteilung war dabei eines der zentralen Themen. Schließlich ist die Kluft zwischen Arm und Reich vor der Krise massiv gewachsen - vor allem in den USA, aber auch in vielen anderen Industrieländern.

Wirtschaftswissenschaften Ökonomen unbelehrbar

Seit Ausbruch der Weltwirtschaftskrise wird an allen Stellen reformiert – nur nicht bei den Ökonomen. Immer mehr Vertreter des Fachs rufen jetzt nach einer Reform überholter Ausbildungsinhalte. Aber was gehört dazu?

Wenn die Ungleichheit in einer Volkswirtschaft zu groß wird, wird diese instabil, zeigte Michael Kumhof, Vizeabteilungsleiter beim Internationalen Währungsfonds (IWF). Zusammen mit Kollegen hat er ein makroökonomisches Standard-Modell um Verteilungsfragen erweitert. Anstelle von homogenen Haushalten, die einheitliche Interessen haben, gibt es in diesem Modell Arbeiter und Vermögende.

Kumhofs Forschungsergebnisse zeigen, dass die Einkommensungleichheit in den USA einer der Hauptgründe war für den Zusammenbruch im Jahr 2007. Die Reichen, die vor der Krise immer reicher geworden seien, hätten ihre Überschüsse anlegen müssen, sagt Kumhof - und bei den Armen stets willige Abnehmer gefunden. "Die Wahrscheinlichkeit für große Krisen steigt dadurch deutlich", so Kumhof im Handelsblatt-Gespräch. Die Liberalisierung der Finanzmärkte habe diese Spirale der Verschuldung dann weiter angefacht.

  • 09.11.2012, 11:44 Uhrhermann.12

    "Der Markt wird sich in moralischer Hinsicht niemals von allein zügeln"

    Bei dieser Aussage bin ich hin her gerissen zwischen Zustimmung und Widerspruch.
    Das deshalb, weil dieser Spruch nicht das reale Problem beschreibt.
    Selbstverständlich kann eine Marktwirtschaft nur funktionieren, wenn die Spielregeln fair gestaltet wurden. In sofern gebe ich Ihnen Recht. Doch das Wesen des Marktes ist seine Selbstregulation unter dieser Bedingung. Das es zu Fehlentwicklungen in der Marktwirtschaft kommt, wird letztlich durch falsche Rahmensetzung der Politik verursacht. Märkte und Marktteilnehmer reizen diesen Rahmen nur in aller Konsequenz aus.
    Letztlich kommt es zu Verwerfungen, wenn Politik die Regeln für ihre Ziele verändert ohne mögliche negative Folgen zu berücksichtigen.
    Diese Ziele könne durchaus eine moralische Intention besitzen, sie scheitern aber, wenn ihr Blickwinkel zu einseitig ist. Und das ist er immer, wenn er primär das Individuum und nicht das Kollektiv als Beurteilungsgrundlage verwendet wird.
    Es ist dabei völlig normal, dass der größtmögliche Vorteil des Kollektivs zu Lasten von Individuen einzeln oder in Gruppen geht.
    Aktuell ist es so, das solche Nachteile nicht akzeptiert und politisch instrumentalisiert werden. Daraus entsteht zwangsläufig ein Markt, der letztlich nur noch als ungerecht wahrgenommen wird.
    Es ist die Einsicht und der Überblick dafür verloren gegangen, wann solche Massnahmen letztlich dem Kollektiv schaden. Auch weil es vielen Gutmeinenden aber auch Egoisten völlig egal ist, was dies für das Kollektiv bedeutet. Inkonsequente Wohltäter und Egoisten zerstören so gemeinsam das Gefüge zum eigenen Nutzen. Wobei inkonsequente Wohltäter letztlich auch nur Egoisten sind, die sich was vormachen um sich selbst in gutem Licht zu sehen.

    H.

  • 06.11.2012, 16:59 UhrIlloinen


    Der Markt wird sich in moralischer Hinsicht niemals von allein zügeln. Entscheiden müssen wir, ob wir in einer Welt leben wollen, in der Menschen ihre Organe verkaufen, ihre Stirn als Werbefläche vermieten, ein Kind gegen Cash austragen oder ihre eigene Lebensversicherung meistbietend verscherbeln. Das hat Moderator Larry King getan. Er fürchtet sich nun, weil er nicht weiß, wer die Policen gekauft hat - und auf seinen baldigen Tod hofft. Ein Hedgefond? Oder die Mafia?
    Alles dem Markt zu überlassen, scheint zunächst ein Zeichen von Freiheit zu sein. 'Soll doch jeder selbst entscheiden, was ihm die Dinge wert sind.' Aber das ist bloß Konsumentenfreiheit. Unsere viel größere Freiheit ist doch, aktiv die Zukunft unserer Gesellschaft mit zu gestalten. Wie sich doch die Dinge wandeln, sobald sie käuflich werden, zeigen folgende Beispiele sehr gut:
    Im Kern geht es bei all diesen Fragen um Ethik, Moral und das "richtige Leben". Nehmen Sie ein extremes Beispiel: Wenn Sie in Kalifornien zu einer Gefängnisstrafe verurteilt werden und Sie mögen die Standardunterbringung nicht, dann können Sie sich einen Zellen-Upgrade kaufen, kostet sie etwa 90 Dollar pro Nacht. Also, ich denke, wir müssen von Fall zu Fall entscheiden, ob wir nicht unsere Werte aufs Spiel setzen, wenn wir die Regeln des Marktes überall anwenden?
    Wollen wir wirklich Wetten auf den Tod erlauben? Wetten darauf, dass irgendein Fremder, dessen Police ich gekauft habe, stirbt? Das stellt doch die Idee der Lebensversicherung auf den Kopf, es korrumpiert ihren moralischen und sozialen Zweck und macht daraus eine Art Glückspiel mit dem Leben. Nicht ob wir mehr Staat brauchen oder mehr Markt, sei die Frage, sondern welche Güter überhaupt auf den Markt gehören oder nicht.
    Niemand fragt nach den moralischen Grenzen des Systems.

  • 06.11.2012, 09:52 UhrUmdenker

    @APOman
    Denkfehler auch bei Ihnen.
    Wie ist denn der Milliardär zu seinem überproportional hohen Vermögen gekommen? Weil es von Anfang an falsch verteilt wurde und sich zuviel Kapital bei ihm akkumuliert hat, denn hätte man eine sinnvolle Besteuerung (also indirekte Umverteilung) oder würde keine so grossen Lohnunterschiede zulassen (nicht selten, dass heute manche 20x und mehr verdienen als der kleinste Angestellte und das kann man nicht mit Fleiß, Leistung oder Verantwortung verargumentieren).

    Eine sinnvolle Lohnkopplung (oberster Chef darf z.B. max 3x soviel verdienen wie kleinster Lohn) würde schon mal zu mehr Gerechtigkeit und Bindung der Arbeiter an die Firma führen und gute Leistung würden als Gewinne auf alle verteilt. Das heute bestimmte Gruppen viel Kapital besitzen und man mit Finanzprodukten höhere Renditen als mit Investitionen in die Realwirtschaft verdienen kann ist auch so ein Unding und fördert eben Blasen und Ungleichheit.

    Ausserdem wenn alle diese Politik fahren, dann gibt es riesige Niedriglohnsektoren, heisst geringe Steuereinnahmen, da Steuern für Unternehmen und Kapital eh schon auf einem historischen Tiefstand sind, Lohnsteuereinnahmen autom. auch immer weniger, indirekte auch, da Binnenwirtschaft auch immer mehr einbricht und Risiken wie Rentenzuschüsse, Aufstocker, etc... wegen der niedrigen Löhne immer stärker notwendig sind und die Ausgaben am Staat immer höher werden, weil man für das Kapital Steuerparadiese aufbaut. Da aber die Steuereinnahmen immer weiter durch Lobbyarbeit der Kapitalbesitzer unterminiert wurden, kann man so schön das Märchen des "dekadenten Wohlfahrtsstaates" aufbauen.

    Kurz gesagt, wenn wir alle die neoliberale Politik fahren, dann haben wir in der EU in sagen wir 30 Jahren einen Zustand, wo 10% ca. 80% der Vermögens besitzen und der Niedriglohnsektor wird nochmal doppelt so gross. Aber natürlich werden wir weiter auf H4ler und Ausländer schimpfen und die Reichen lachen sich ins Fäustchen, wie dumm wir doch sind.

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