Wladimir Putin
Der König der Überraschungstaktik

Erst das Dementi, nun das plötzliche Vorpreschen: Putin lässt in der Syrien-Krise die Waffen sprechen. Der russische Präsident verfolgt dabei zwei Hauptziele.
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MoskauÜberraschungen bleiben sein Markenzeichen: Wladimir Putin hat sich vom Föderationsrat, dem Oberhaus des russischen Parlaments, zu einem Militäreinsatz außerhalb der russischen Grenzen ermächtigen lassen. Die russischen Senatoren billigten die Entscheidung einstimmig, alle 162 Anwesenden hätten mit „Ja“ gestimmt, teilte der Leiter der Präsidialadministration, Putins Langzeit-Vertrauter Sergej Iwanow mit.

„Es geht nicht um das Erreichen irgendwelcher außenpolitischen Ziele oder die Befriedigung irgendwelcher Ambitionen, derer uns unsere westlichen Partner dauernd beschuldigen, sondern ausschließlich um das nationale Interesse“, betonte er dabei.

Worin das nationale Interesse Russlands liegt, führte Iwanow nicht weiter aus. Doch Russland verfolgt in Syrien zwei Hauptziele. Erstens ist Putin am Machterhalt von Präsident Baschar al-Assad gelegen, der trotz gelegentlicher atmosphärischer Störungen zwischen Moskau und Damaskus ein treuer Verbündeter Russlands ist und so den Einfluss Russlands in der Nahostregion sicher stellt. Dies beinhaltet sowohl den Besitz einer Militärbasis als auch potenziell die Möglichkeit zur Erschließung der Öl- und Gaslagerstätten vor der syrischen Küste durch russische Konzerne. Andere Verbündete hat Russland in dem Land nicht.

Zweitens ist der Islamische Staat (IS), gegen den das russische Militär allem Anschein nach nun Luftschläge führen wird – ein Bodenkrieg ist zu verlustreich und riskant für Moskau – eine ernsthafte Bedrohung für die innere Sicherheit Russlands. Zahlreiche Kämpfer stammen aus Russland und der GUS, im Kreml wird ihre Rückkehr als Destabilisierungsfaktor speziell für den Kaukasus befürchtet.

Unklar bleibt dabei auf den ersten Blick, warum Putin erst vor wenigen Tagen in einem Interview ein militärisches Engagement in Syrien völlig ausschloss. „Russland wird sich nicht an Militäroperationen auf dem Territorium Syriens oder anderer Staaten beteiligen, zumindest planen wir das zum heutigen Tag nicht“, sagte er in einem Interview.

Die Überraschungstaktik ist allerdings seit jeher ein Merkmal der Putin'schen Politik. Über ein Jahrzehnt lang hat er mit Personalentscheidungen im Kreml alle politischen Experten überrumpelt, sei es mit dem Rauswurf seines Premiers Michail Kassjanow kurz vor seiner ersten Wiederwahl oder der jüngsten Entlassung des mächtigen Eisenbahnchefs Wladimir Jakunin, sei es mit Kandidaten, die vorher niemand auf dem Zettel hatte, wie Michail Fradkow (Premier 2004 – 2007) oder sei es mit seinem eigenen Abgang samt Wiederkehr auf den Präsidentenposten.

Dementis und Verschleierungen gehörten auch zum Krim-Szenario Anfang 2014. Die damals ebenfalls im Expressverfahren durchgezogene Genehmigung des Militäreinsatzes durch den Föderationsrat ließ die internationalen Spannungen im März 2014 auf den Höhepunkt steigen.

Diesmal ist eine ähnliche Reaktion nicht zu erwarten. Auch der Westen kämpft in Syrien gegen den IS. Dass Putin erst nach seiner Rückkehr aus den USA die überraschende Wende verkündet, zeugt eher davon, dass der Kremlchef Eigenständigkeit in der Frage demonstrieren will.

Trotz des gemeinsamen Kampfes gegen den IS bleiben die Vorstellungen über die Zukunft Syriens nämlich nach wie vor weit voneinander entfernt. Wenn es Assads Truppen mit russischer Luftunterstützung und russischen Panzern vom Typ T-90 gelingen sollte, die antike Oasenstadt Palmyra von den IS-Kämpfern zurückzuerobern, wäre das für Putin ein grandioser PR-Erfolg.

Kommentare zu " Wladimir Putin: Der König der Überraschungstaktik"

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  • Wäre ja auch dumm gewesen, den "Zu Bekämpfenden" in Syrien eine noch längere Vorwarnzeit zu geben. Oder?

  • So ne Überraschung war es auch nicht. Er hatte den israelischen Ministerpräsidenten vor 2 Wochen in Moskau. Da war schon klar, dass etwas größeres unterwegs ist.
    Und der hat "les Amies" unterrichtet. Und die die Nato. Die Presse natürlich nicht.

  • @Herr Andreas Hobi, "welche Interessen verfolgt Obama ?"
    Welche Interessen verfolgt Netanyahu ! Anscheinend konnte bei dessen Moskau-Besuch ein Interessen-Abgleich gefunden werden.

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