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03.03.2008 
Internet-Metropole

WLan auf dem Acker

von Thomas Knüwer

Im Jahr 2001 beschließt eine winzige Gemeinde im Herzen Großbritanniens auch die abgelegensten Bauernhöfe mit einer schnellen Internetverbindung zu versorgen. Das Projekt glückt: Heute verfügen mehr Menschen in Alston über Onlinezugänge als im Silicon Valley. Wie das 2 200-Seelen-Dorf Alston zu einer der Internet-Metropolen Großbritanniens wurde.

Landleben mit Weltverbindung: Auch auf den abgelegensten Bauernhöfen in Alston gibt es WLan-Verbindungen. Foto: ArchivLupe

Landleben mit Weltverbindung: Auch auf den abgelegensten Bauernhöfen in Alston gibt es WLan-Verbindungen. Foto: Archiv

ALSTON. Nur die Tannenwipfel auf dem Hügel gegenüber scheinen die grauen Wolken davon abzuhalten, alles hinfortzufegen. Einfach die hutzeligen Bauernhäuschen aus ihren Fundamenten zu reißen, gemeinsam mit den hüfthohen Steinwällen und den grauen Schafen, die zwischen ihnen die grün-rote Moor- und Heidelandschaft abgrasen. Die North Pennies können sehr unwirtlich sein. Doch Jules Cadie genießt das Panorama aus seinem kleinen Haus: „Der Blick lenkt mich noch immer ab, auch nach sieben Jahren.“

Damals ist der 56-Jährige mit dem zauseligen grauen Bart hierher gezogen in die Hügelgegend westlich von Newcastle. Hier in Alston, einer 2 200-Einwohner-Gemeinde, hat er einen alten Bauernhof gekauft. Selbstständiger Berater von Kulturinstitutionen ist er und ein Freund des Landlebens.

Zu dieser Zeit war Alston eine typische Gemeinde der Region – stagnierend, alternd, langsam verfallend. Die Landwirtschaft bot nicht genug Arbeitsplätze, wer einen Job suchte, zog weg. Pendeln ist nicht möglich: Im Winter hat der versprengte Ort zwar eine winzige Skipiste – aber kaum passierbare Straßen. Dann fährt nicht einmal der einzige morgendliche Bus in die Großstadt. Und Züge? 1974 hat der Bahnhof dichtgemacht.

Cadie zog trotzdem her – weil es eine drahtlose, schnelle Internetverbindung gab. Und wie es dazu kam, das ist eine Geschichte, die demonstriert, wie das Web unsere Gesellschaft verändern kann. Und sie erzählt davon, dass es sich oft nicht lohnt, auf Großunternehmen zu warten – manchmal passiert mehr, wenn Menschen selber anpacken.

„Ohne schnelles Internet könnte ich hier nicht leben“, sagt Cadie. Einen Teil seines Einkommens verdient er als Onlineredakteur des Kulturmagazins „Mailout“. „Aber Alston ist ja bald nach meinem Herzug Internet-Hauptstadt Großbritanniens geworden.“

Zugegeben, das ist ein wenig übertrieben: Alston belegt in der Verbreitungsdichte schneller Onlinezugänge im Königreich Rang drei – hinter Kensington und Chelsea: Zwei Londoner Nachbarschaften, die bekannt sind für ihre hohe Millionärsdichte, liegen vor Alston, einer Winzgemeinde in der Mitte des Nichts.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Wie die abgelegensten Bauernhöfe ans Netz gebracht wurden.

Die Geschichte, wie es dazu kam, beginnt im Jahr 2001. Die Maul- und Klauenseuche tobt in England, und Cumbria, die Region, in der Alston liegt, ist mit am schlimmsten getroffen. Die Bauern fürchten um ihre Zukunft, die Wandertouristen bleiben aus. In diesem Jahr schreibt die Regierung ein Musterprojekt für ländliche Kommunen aus: Sechs von ihnen sollen Geld bekommen, um ihre Bürger ins Web zu bringen. Auch Daniel Heery bewirbt sich als Angestellter der Kommunalverwaltung Alston. Denn British Telecom weigert sich, in dieser Gegend zu investieren, um auch die abgelegensten Bauernhöfe ans Netz zu bringen.

Alston bekommt den Zuschlag – und 1,9 Millionen Pfund von der britischen Regierung. Eine drahtlose Internetabdeckung auf WLan-Technik über eine Fläche von 65 Quadratkilometern entsteht, viele Bürger erhalten kostenlose Computer und werden geschult. Informations- und Diskussionsdrehscheibe wird eine Webseite: Cybermoor.

„Erst haben die Leute nicht geglaubt, dass es was wird“, erzählt Heery. Dann brechen die Dämme: Während die einen den Umgang mit der Technik in Schulungen lernen, lassen sich die anderen von Nachbarn helfen. Heute verfügen 88 Prozent der 670 Haushalte von Alston über einen Computer – ein höherer Anteil als in den Technikmetropolen Schwedens und Südkoreas, höher gar als im Silicon Valley.

Brian Marshall war einer der Ersten in Alston, die einen Rechner bekamen: „Ohne das Projekt hätte ich vielleicht einen Computer – aber ich würde ihn wohl weniger nutzen und weniger darüber wissen“, sagt der 65-jährige pensionierte Polizist und unterbricht für einen Moment das Gespräch mit einer Bekannten nahe Lancaster. Regelmäßig sprechen die beiden über Skype, den Videotelefondienst. Mit seinem Sohn in Manchester und alten Freunden in Berlin hält Marshall nun leichter Kontakt, „sonst gäbe es aus Deutschland wohl nur eine Weihnachtskarte pro Jahr“.

Seine neue Freundin hat Marshall ebenfalls im Internet kennengelernt. „Ist Online-Dating für Senioren in Deutschland eigentlich bekannt?“ fragt der graubärtige Ex-Ordnungshüter. Man weiß ja nie.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Eine neue Art demokratischer Kultur.

„Am Anfang hatte ich Angst, etwas kaputtzumachen“, berichtet er von den ersten Schritten. Heute steht auf seiner Fensterbank eine Kamera, die Livebilder ins Netz überträgt: „Wenn der erste Schnee fällt, mailt die Tochter unserer Nachbarin, um zu hören, ob bei uns alles okay ist.“ Überhaupt habe das Web die Menschen zusammengebracht: „Wir kommunizieren heute mehr miteinander und interessieren uns mehr für unsere Mitbürger.“

Davon zeugt auch » www.cybermoor.org, die Homepage des Projekts. Hunderte von Diskussionen gibt es dort, von Warnungen vor einem Hühner reißenden Hund über die Frage, wie die kleine Postfiliale ihre Öffnungszeiten gestalten sollte, bis zur Rezension des örtlichen Band-Wettbewerbs, über dessen Sieger abgestimmt werden konnte. „Wir Bürger“, sagt Marshall, „haben nun eine Stimme.“ Nicht nur bei Musikwettbewerben, auch in der Politik: Als das örtliche Mini-Krankenhaus geschlossen werden soll, diskutieren die Einheimischen nicht nur, sie übertragen die Demonstration live ins Netz.

„Wir wollen auch eine neue Art demokratischer Struktur schaffen“, sagt Heery. Die Lokalpolitiker hätte das anfangs verschreckt, doch inzwischen hätten sie sich daran gewöhnt, dass ihre Entscheidungen viel offener zum Thema geworden sind – und die Zahl der Anfragen ihrer Wähler zugenommen hat.

Flotten Schrittes eilt Heery durch den Regen von seinem Büro im kleinen Rathaus zum Marktplatz. Neben dem alten Marktkreuz klappt er seinen Laptop auf. Ein bizarres Bild: Da sitzt ein 36-Jähriger in dunkelgrüner Wachsjacke, rechts von ihm ein Pub, der seit dem 17. Jahrhundert existiert, links ein Buchladen mit verstaubten Fenstern – und fragt seine E-Mails ab.

Natürlich hat das Internet nicht alle Probleme von Alston gelöst. Davon zeugt ein ehemaliger Lebensmittelladen mit verschmierten Scheiben. Schon lange sucht er einen Mieter. „Aber“, wirft Heery ein, „wir haben den Wegzug der Bevölkerung gestoppt.“ Auf 25 Millionen Pfund schätzt er den volkswirtschaftlichen Gewinn für die Gemeine: So wurden 14 Jobs direkt durch die neuen Web-Möglichkeiten geschaffen. „Es kommen neue Menschen nach Alston, vor allem Selbstständige und Leute, die nur an ein, zwei Tagen nach Newcastle pendeln müssen. Außerdem hat die Zahl der Schüler wieder zugenommen“, sagt der Cybermoor-Macher. Sogar die Grundstückpreise seien innerhalb kurzer Zeit um ein Viertel gestiegen. „Das Wunder im Moor“, jubelte 2004 der „Guardian“.

Lesen Sie weiter auf Seite 4: Die kommunalpolitische Priorität.+

In deutschen Kommunalverwaltungen wird Cybermoor wohl eher für Unverständnis sorgen. Das Computermagazin „Chip“ fragte im Sommer nach, wie es denn aussehe mit Plänen für flächendeckende Funknetze in deutschen Großstädten, die schnellen Webzugang über WLan-Technik ermöglichen. Stellvertretend für das Ergebnis die Antwort aus Frankfurt: „Der Magistrat hat festgelegt, dass die Versorgung nicht Aufgabe der öffentlichen Hand ist.“

Eine Meinung, die andere nicht teilen. Egal ob San Francisco, Philadelphia, Leiden, London oder Pau – quer über den Globus versuchen Lokalpolitiker, schnelle Internetverbindungen zu geringen Kosten, oft sogar gratis, allgegenwärtig zu machen. Der französische Politberater und Internetvordenker Jean Michel Billaut meint: „In einer Demokratie muss das Netzwerk der öffentlichen Verwaltung gehören – genauso wie die Straßen. Und wir brauchen einen offenen Zugang für alle Bürger.“

So sieht es auch Rolf Lührs vom Technologie-Transfer-Berater Tutech in Hamburg: „Flächendeckende Internetzugänge sollten in jedem Fall eine hohe kommunalpolitische Priorität haben. Dass sich Investitionen in die kommunikative Infrastruktur mittelfristig auch finanziell auszahlen, zeigt das Beispiel Alston ja eindrucksvoll.“

Und: „Eine intelligente Nutzung des Internets bietet gerade solchen Kommunen enorme Chancen, die in Deutschland sonst eher benachteiligt sind. Informationstechnologie ist ein Innovationsfaktor – nicht nur in wirtschaftlicher, sondern auch in sozialer Hinsicht.“

Ein Bremser ist allerdings die EU. „Investitionen in Breitband-Netze sind vor allem eine Sache für private Unternehmen“, meint Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes.

Lesen Sie weiter auf Seite 5: Wie Alston seine Kreativität nutzt.

Und was, wenn die Telekomkonzerne sich querstellen? Auch dafür liefert Alston eine Lösung – und damit beginnt der zweite, nicht weniger spannende Teil der Geschichte.

Nach drei Jahren waren die Zuschüsse der britischen Regierung für Cybermoor ausgelaufen. Wieder fand Heery eine Lösung: Aus dem Projekt wurde eine Genossenschaft. Die fast 700 Kunden zahlen heute zwischen acht und 20 Pfund monatlich für ihren Anschluss und sind gleichzeitig Anteilseigner ihres Dienstleisters. Allein: Das Geld würde nicht reichen für den Betrieb des Netzes. „Wir müssen unsere Kreativität nutzen“, gibt Heery vor.

Und so bewirbt sich Alston nicht nur als Berater für andere Kommunen. Die Abgeschiedenheit macht den Ort zum idealen Testgebiet für neue Technik. Bald schon soll ein Gesundheitsprojekt über das Internet starten: Dann werden ältere Menschen von daheim aus Beratung erhalten und müssen sich nicht mehr auf den teilweise beschwerlichen Weg zum Arzt machen. Auch will Heery den Ort anbieten als Marktforschungsareal für neue Produkte.

Mit den Überschüssen dieser Geschäfte soll das nächste Großprojekt finanziert werden. Heery träumt von einer noch schnelleren Onlineverbindung in der Region. Dafür wären aber Glasfaserkabel und die Funktechnologie WiMax nötig. „British Telecom sagt, das ist nicht machbar“, sagt Heery: „Dann müssen wir es halt wieder selbst machen.“

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