„Wo bleiben die Deutschen?“
Der Irak-Konflikt weitet sich aus

Auf keinen Fall wollte Deutschland in den Irak- Krieg hineingezogen werden. Doch nach dem verheerenden Terroranschlag vom Dienstag auf das UN-Quartier in Bagdad diskutieren Diplomaten am Sitz der Vereinten Nationen in New York über Fragen wie diese: „Wie lange können sich Franzosen, Deutsche und Russen noch militärisch aus dem Konflikt heraushalten?“

HB/dpa NEW YORK. Der Irak-Konflikt, so viel gilt am East River als sicher, weitet sich immer mehr aus. Die USA und Großbritannien, die bislang als Besatzungsmächte allein für die Sicherheit im Irak die Verantwortung tragen, können anscheinend nicht einmal ihre eigenen Soldaten, geschweige denn die für humanitäre Aufgaben zuständigen UN-Helfer vor mörderischen Anschlägen schützen.

An diesem Donnerstag sollen die Irak-Besetzer bei lange geplanten Konsultationen im Weltsicherheitsrat ihre Bilanz seit dem Ende der größeren Kampfhandlungen vorlegen. Seit dem Bombenanschlag auf das UN-Quartier in der irakischen Hauptstadt wird nun in Washington und London mit Hochdruck an der Umarbeitung der geplanten Reden gearbeitet.

„Jetzt können Amerikaner und Briten kaum noch verkaufen, dass es im Irak bergauf geht“, sagt ein hochrangiger europäischer UN- Diplomat. „Die Frage lautet: Befriedung des Landes unter Einsatz von Truppen befreundeter Länder mit oder ohne UN-Mandat, also unter UN- Flagge oder unter dem Kommando der Staaten, die den Krieg geführt haben?“

Das wird auch in Washington diskutiert. Außenminister Colin Powell neigt nach Einschätzung von UN-Kreisen zu einem neuen Mandat des Sicherheitsrates für einen zusätzlichen Truppeneinsatz unter der Flagge der Weltorganisation. Indien hatte das zur Bedingung für die Entsendung von rund 15 000 Soldaten gemacht. „Wichtiger wäre, dass arabische Soldaten und Polizisten eingesetzt werden können“, sagt ein ägyptischer UN-Diplomat. „Wir wären bereit, aber ohne UN-Beschluss würden uns andere Araber den Hals umdrehen.“

US-Vizepräsident Dick Cheney und Verteidigungsminister Donald Rumsfeld hingegen fahren weiter den Kurs: Internationalisierung im Irak gern, aber nur unter US-Kommando. „Kann sich Berlin noch lange der Frage entziehen, wie Deutschland daran mitzuwirken gedenkt“, fragt ein britischer Diplomat in New York.

Was immer die Drahtzieher des Anschlags in Bagdad im Sinn hatten, auch die Deutschen haben sie damit in Bedrängnis gebracht. Der dänische Außenminister Per Stig Møller machte das klar und forderte Deutschland, Frankreich und andere Gegner des Irak-Krieges zur Entsendung von Soldaten auf: „Es müssen jetzt zusätzlich Länder mitmachen, während wir gleichzeitig für ein UN-Mandat arbeiten.“

Als „pflaumenweich“ bezeichnete ein hochrangiger UN-Diplomat der so genannten Kriegskoalition hinter vorgehaltener Hand die Stellungnahme von Bundesaußenminister Joschka Fischer. Der hatte den Anschlag von Bagdad scharf verurteilt, eine unnachsichtige Bestrafung der Täter gefordert und erklärt, der Tod des UN-Sonderbeauftragten im Irak, Vieira de Mellos, und vieler seiner Mitarbeiter verpflichte dazu, das Werk der Vereinten Nationen im Irak fortzusetzen. Von einer Rolle Deutschlands in der derzeit gefährlichsten Krisenregion der Welt war keine Rede.

Als „Rückversicherung“ Berlins gilt in Washington längst, dass Deutschland künftig das Leben seiner Soldaten in Afghanistan auch außerhalb der Hauptstadt Kabul riskiert, wenn es dafür nicht im Irak- Konflikt gefordert wird. Doch Deutschland wird von vielen Seiten bedrängt, in Sachen Irak neu Farbe zu bekennen. Nach Einschätzung von UN-Kreisen sind die Vereinten Nationen, auf deren Beschlüsse und Mandate sich Berlin beruft, spätestens in der vergangenen Woche zum Angriffsziel von Anhängern des Saddam-Regimes und möglicherweise von in den Irak eingeschleusten El-Kaida-Terroristen geworden.

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