WTO-Chef Lamy
Westen hat Lust am Freihandel verloren

Der Chef der Welthandelsorganisation Pascal Lamy erwartet von der "Doha-Runde" am kommenden Montag keinen Durchbruch. In Genf werden die Gespräche zum weltweiten Freihandel fortgesetzt, die bereits 2001 in Katar begonnen wurden.
  • 0

GENF. Der Fahrplan der 20 größten Industrie- und Schwellenländer zur Liberalisierung des Welthandels gerät in Gefahr. Auf ihrem Gipfeltreffen in Pittsburgh hatten sich die G20 vorgenommen, die "Doha-Runde" 2010 zum Abschluss zu bringen; die Gespräche hatten 2001 in der Stadt Doha/Katar begonnen. Doch Pascal Lamy, Chef der Welthandelsorganisation WTO, erwartet von dem am Montag in Genf beginnenden Ministertreffen keinen Durchbruch. "Mein Gefühl sagt mir, dass die Entscheidung noch nicht reif ist", sagte der Franzose im Gespräch mit dem Handelsblatt. Damit treten die Verhandlungen über eine weitere Liberalisierung des Welthandels auch nach acht Jahren auf der Stelle.

Lamy ist ein gebranntes Kind, nachdem die Verhandlungen im Juli 2008 schon einmal auf der Zielgerade waren, dann aber erneut am Streit zwischen Indien und den USA über die Marktöffnung für Agrar- und Industriegüter scheiterten. "Das Hauptproblem ist, die Positionen der USA und einiger großer Schwellenländer zusammenzubringen", sagte Lamy.

Der WTO-Chef weiß, dass er mit seinem Plädoyer für mehr Freihandel gegen den Strom der Zeit schwimmt. Seit der Finanzkrise befindet sich die Globalisierung im Rückwärtsgang. Der Welthandel wird in diesem Jahr vermutlich um rund zehn Prozent zurückgehen und sich nur langsam erholen. "Wir machen einen Schritt vor und zwei zurück", sagte

Krise spielt Gegnern der Globalisierung in die Hände

Globalisierungsgegner dürften sich die Hände reiben. Vor genau zehn Jahren rannten sie beim WTO-Treffen in Seattle gewaltsam gegen eine Ausweitung des Freihandels an. Heute nehmen ihnen die Krise und die protektionistischen Reaktionen vieler Länder die Arbeit ab. Gerade die G20-Nationen haben die meisten Handelsbarrieren errichtet. Dabei werden sie immer erfindungsreicher und versuchen mit "Anti-Dumping"-Untersuchungen ihre heimischen Industrien vor Billigimporten zu schützen. Nach Berechnungen der Weltbank ist die Zahl solcher verdeckten Handelsbarrieren zwischen Juli und September um mehr als 50 Prozent gestiegen.

Obwohl Lamy immer wieder vor diesem "schleichenden Protektionismus" warnt, sieht er keine unmittelbare Gefahr für den Welthandel. Die neuen Handelshemmnisse würden bislang nur etwa ein Prozent des internationalen Warenverkehrs berühren. "Es ist also kein Tsunami, wie viele befürchtet haben, aber wir müssen wachsam bleiben." Aufmerksam verfolgt man bei der WTO deshalb die zunehmenden Handelsstreitigkeiten zwischen den USA, China und der EU. Der Sozialist Lamy weiß, wie schnell sich die Lage zuspitzen kann, wenn die Arbeitslosigkeit weiter steigen sollte.

Seite 1:

Westen hat Lust am Freihandel verloren

Seite 2:

Kommentare zu " WTO-Chef Lamy: Westen hat Lust am Freihandel verloren"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%