WTO-Gipfel in Cancún
Die Armen fordern ihren Anteil

Cancún ist Sommer, Sonne, Party. In Mexikos Ferienparadies zerstreuen sich europäische und amerikanische Touristen. Von Mittwoch bis Sonntag ist aber Zoff angesagt: Die Handels- und Wirtschaftsminister der Welthandelsorganisation (WTO) treffen aufeinander. „Wir werden bei der WTO-Konferenz darauf bestehen, dass das Welthandelssystem die ‚Nicht-so-Reichen’ nicht weiter links liegen lässt“, droht Indiens Ministerpräsident Atal Bihari Vajpayee.

GENF. Tatsächlich: In Cancún wollen sich die Armen mit den reichen Wirtschaftsblöcken des Nordens anlegen, allen voran mit den USA und der EU. Der Konflikt: Wie können die Entwicklungsländer stärker vom Welthandel profitieren? Der arme Süden weiß um seine Macht. Vier von fünf der 146 WTO-Mitglieder gelten als Entwicklungsland. Und wenn die großen Staaten China, Indien, Brasilien, Mexiko und Südafrika eine Front bilden, läuft gegen sie nichts.

In Cancún steht aber auch die Zukunft des gesamten Welthandels auf dem Spiel. Falls die WTO-Staaten sich nicht zusammenraufen und den Fahrplan für ein neues Abkommen zur Öffnung der Märkte beschließen, droht Ungemach: Mehr als eine halbe Billion US-Dollar würde die krisengeschüttelte Weltwirtschaft bis 2010 zusätzlich verlieren. Rund 140 Millionen Menschen würden weiter in extremer Armut vegetieren – so die düstere Prognose der Weltbank. „Deshalb wollen wir einen Erfolg in Cancún“, gibt WTO-Generaldirektor Panitchpakdi Supachai die Richtung vor. Die blockierten Verhandlungen zur weiteren Öffnung der Weltmärkte sollen auf Touren kommen. Vor zwei Jahren gestartet, wollte die WTO mit der so genannten Entwicklungsrunde die armen Staaten stärker in die Gobalisierung einbinden.

Bisher hat der Schacher am Genfer Verhandlungstisch aber nur eine Erkenntnis gebracht: Alles hängt von einem Durchbruch bei den Agrarverhandlungen ab. „Die größten Schwierigkeiten bereiten die Subventionen für die Landwirtschaft“, sagt Südafrikas Präsident Thabo Mbeki. „An den Hilfen für die Bauern droht Cancún zu scheitern.“ Bislang beharren die reichen Länder des Nordens, zumal Europäer und Amerikaner, auf ihrem Subventionswahnsinn (sieht unten). Die Landwirtschaft ist in vielen Ländern Afrikas, Lateinamerikas oder Asiens jedoch das Rückgrat der Ökonomie. Schaffen es die Bauern mit ihren Früchten oder Fleisch auf den Weltmarkt, stehen sie vor unüberwindbaren Barrieren. Laut Weltbank schützen hohe Zölle zwischen 15 und 20 % die Landwirte der Industrieländer. Zwar haben sich die USA und die EU jüngst auf mehr Markt für den Agrarsektor geeinigt. Doch über Zahlen für den großen Subventionsschnitt wollen sie nicht reden.

Das reicht den Entwicklungsländern nicht, sie wollen nicht länger die Verlierer der Globalisierung sein. „Ehe wir ein schlechtes Abkommen akzeptieren, wollen wir lieber kein Abkommen“, ließ Brasiliens Botschafter bei der WTO, Luiz F. de Seixas Correa wissen. Und die Armen sinnen auf Revanche: Falls die Reichen nicht die Agrarsubventionen resolut kappen, sollen Fortschritte auf anderen Feldern verhindert werden: Etwa bei Industriezöllen und bei der Öffnung der Märkte für Dienstleister wie Versicherungen. Ganz oben auf der Abschussliste steht ein Lieblingsprojekt der EU, das internationale Investitionsschutzabkommen. Auch könnten die Süd-Delegationen einem weiteren EU-Projekt den Garaus machen: Brüssel plant Herkunftsbezeichnungen wie Bordeaux oder Mosel via WTO zu schützen. Ein großes Feilschen in Cancún steht bevor. „Die Entwicklungsländer könnten alles blockieren“, sagt ein Diplomat. Doch ein Scheitern des WTO-Gipfels würde mehr Verlierer als Gewinner zurücklassen.

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