Yanis Varoufakis im Interview
„Am Ende bliebe nur ein D-Mark-Block“

Yanis Varoufakis ist Griechenlands Ex-Finanzminister, doch zur Lage seines Landes hat er einiges zu sagen: Im Interview spricht er über eine Union der Nordländer, eine europäische Verfassung – und ein neues Schuldenabkommen.
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MünchenVor mehr als 800 Zuschauern hat der ehemalige griechische Finanzminister Yanis Varoufakis in der Aula der Münchner Universität mit Ökonom Hans-Werner Sinn über das Für und Wider eines griechischen Exit aus dem Euro-Raum diskutiert. Im Interview mit dem Handelsblatt sprach er zuvor darüber, wie er die Politik in Europa ändern will – obwohl er nicht mehr Minister ist.

Herr Varoufakis, es gibt bei manchen die Sorge, bei anderen die Hoffnung, dass die Flüchtlingskrise die Verhandlungsposition Griechenlands gegenüber seinen Gläubigern deutlich verbessert hat, weil man Athens Unterstützung braucht. Sehen Sie das auch so?
Das ist Unsinn. Griechenland kann sich nicht einmal vernünftig um seine eigene Bevölkerung kümmern, weil das Sozialsystem, das Krankenhaussystem und fast alle anderen öffentlichen Dienstleistungen zusammengebrochen sind. Es freut mich sehr, dass die meisten Menschen human reagieren und helfen, wo sie können. Vielleicht wird Griechenland etwas Unterstützung bekommen, indem gewisse Budgetgrenzen gelockert werden, vielleicht auch ein paar Milliarden Euro Hilfszahlungen. Aber Griechenlands Problem kann dadurch nicht überwunden werden.

Wie könnte das gehen?
Dafür braucht es ein neues Abkommen, das einen Schub an Zuversicht unter den Investoren auslöst. Dafür ist Schuldenrestrukturierung nötig und eine Bad Bank, die sich der annähernd 50 Prozent fauler Kredite bei den Banken annimmt. Das sind die Dinge, die Griechenland eine Chance geben würden, nicht eine etwas bessere Verhandlungsposition um angesichts des zusätzlichen Elends, mit dem wir es zu tun bekommen, ein bisschen mehr Flexibilität auszuhandeln. Das ist eine schreckliche Art zu denken.

Wenn das so ist, wäre es dann nicht besser, dem Rat von Professor Sinn zu folgen und den Euro-Raum zumindest vorübergehend zu verlassen?
Der Vorschlag hat eine gewisse Logik. Allerdings nicht der Teil mit dem „vorläufig“. Es wäre widersinnig, zurück in die Währungsunion zu wollen, nachdem man den sehr schmerzvollen Prozess des Austritts hinter sich gebracht hat. Wir hätten nie beitreten sollen, das stimmt. Aber jetzt, wo wir drin sind, wären die Kosten eines Austritts riesig. Finanzminister Wolfgang Schäuble ist übrigens derselben Meinung wie Professor Sinn. Sie machen aus meiner Sicht einen Fehler, wenn Sie denken, die Kräfte, die man damit freisetzen würde, könnten wieder eingefangen werden. Ich glaube nicht, dass das geht. Aber vielleicht ist ihr tatsächliches Ziel eine viel kleinere Währungsunion. Das wäre dann etwas anderes.

Eine Währungsunion nur der Nordländer einschließlich Frankreich könnte doch funktionieren, oder nicht?
Das bezweifle ich stark. Am Ende wäre es wohl nur ein D-Mark-Block, der übrig bleiben würde.

Würde Frankreich nicht dabei sein wollen?
Wollen schon. Aber ich glaube nicht, dass die französische Wirtschaft in einem Euroraum, der nach den heutigen Prinzipien funktioniert, lange durchhalten würde. Wenn man in Richtung Nord-Euro geht, dann endet das in einem stark deflationären D-Mark-Block und Stagnation mit Inflation im übrigen Europa. Das wäre eine Katastrophe für die europäische politische Landschaft. Der Aufstieg des Ultra-Nationalismus würde alle Vorstellung sprengen. Und die Weltwirtschaft könnte das auch nur schwer verkraften. Das ist mein Einwand gegen den Sinn-Schäuble-Plan.

Ihr früherer Parteifreund und Ökonom Costas Lapavitsas und andere vom früheren linken Flügel Syrizas werben ebenfalls für einen Austritt. Gilt für deren Vorschläge dasselbe?
Ja. Sie haben ja Recht, wenn sie darauf hinweisen, dass Griechenland ein sehr kleines Land ist, das kaum beeinflussen kann, wie die Dinge in Europa laufen. Deshalb sagen einige, wir sollten lieber raus und uns den Ärger und das Leid sparen, die die Mitgliedschaft mit sich bringt. Ich halte diese Sicht für falsch. Wir sollten dabei bleiben und verhandeln, weil wir uns nicht von Europas Schicksal loslösen können. Wenn Europa in diese postmodernen 1930er-Jahre abgleitet, wird das auch Griechenland betreffen. Das Gleiche gilt übrigens auch für die Briten. Ich glaube, es ist eine Illusion zu denken, sie könnten sich dem Schicksal Europas entziehen, indem sie aus der EU austreten. Europa ist unsere Heimat, wir müssen es reparieren.

Wie wollen Sie das bewerkstelligen?
Ich habe eines gelernt: Die altmodische Art, Politik zu machen funktioniert nicht mehr. Dabei bildet man eine Partei in den Grenzen eines Nationalstaats. Man schreibt ein Wahlprogramm, macht Versprechungen und wird gewählt. Und dann ist man an der Regierung und stellt fest, dass man keine Macht hat. Dann versucht man Allianzen zu bilden, auf der Ebene des Europäischen Parlaments, das nicht wirklich ein Parlament ist. Dieses Modell ist kaputt. Es funktioniert nicht mehr.

Das müssen Sie erklären. Warum funktioniert es nicht mehr?
Weil die europäischen Regierungen keine Macht haben, nicht einmal der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble. Ich meine die Macht, europaweite Themen und Probleme zu lösen, die unser tägliches Leben bestimmen.

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„Am Ende bliebe nur ein D-Mark-Block“

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Eine Verfassung für Europa

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  • Die Ideen von V klingen verführereisch aber sie blenden 2 Probleme aus, für die es keine trivialen poder systemischen Lösungen sondern maximal welche auf der Ebene der Kultur gibt:

    1. Gibt es eine massiven Eigentumskonflikt zwischen Nominalsparern (z.B. in Deutschland) denen eine wertbeständige als im besten Wortsinne eine "Währung" die währt versprochen wurde und Sachwertsparern (z.B. Immo -Besitzern spezielle in Südländern, die massive Wertsteigerungen verbuchen konnten). Zu glauben diesen nach dem demokratischen Mehrheitsprinzip auflösen zu können, ist illusorisch. Wenn man sich für den vermeintlichen leichteren Weg einer politischen Weichwährung -die der Euro mittlerweile praktisch ist- auch formal entscheidet, muss es Entschädigungen geben, um die Enteignungen von Nominalansprüche (Lebensversicherungen, Sparbbücher etc.) zu kompensieren. Sonst sind die Vorschläge von V einfach Diebstahl zur Teilvolksbeglückung.

    2. Eng verbunden muss V sagen, wie er das Verantwortungsdillema des Sozialismus (der ihm letztlich vorschwebt), dass alles, was allen gehört, niemanden gehört und folglich niemand sich verantwortlich fühlt, lösen will. Dieses führt aufgrund menschlicher Schwächen dazu, dass niemand sät/investiert aber gern Früchte erntet und in Folge zu wirtschaftlichen Niedergang. Das mit wolkigen "Krediten" (die keine sind, da sie nie werthaltig zurückgezahlt werden) zu verschleiern, die wie Milch und Honig im Schlaraffenland ewig fließen, hilft niemanden sondern streut den Menschen Sand in die Augen.

    Das Problem vor dem die Menschheit steht, geht viel tiefer als seine sozialistisch-intelleketuellen Träumereien.

  • Herr Enrico "FatFinger" Caruso@
    Ich bin Ihrer Meinung aber trotzdem hat V recht wenn er mehr Demokratie und Transparenz fordert auch in Deutschland ist das notwendig.

  • @Herr Michael Kirsch

    ..das Präkariat sich über die Intellektuellen äußert.

    Bei Ihrer Rechtschreibung gehören Sie evtl. auch zum Prekariat?

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