Yanis Varoufakis zu Gast bei Hans-Werner Sinn
Der Überlebende

Der griechische Ex-Finanzminister Varoufakis hat seine Niederlage nicht verkraftet und schreibt als Debattengast bei Ifo-Chef Sinn an der Sage des klugen Denkers, der von Realpolitikern hinters Licht geführt wurde.

MünchenWohlgeformte Körper in transparentem Musselin, galoppierende Schimmel, griechische Inschriften in goldenem Mosaik, davor die weißen Büsten griechischer Philosophen – der Rahmen in der stolzen Aula der Münchner Ludwig-Maximilian-Universität ist fast zu passend um wahr zu sein, wenn ein ehemaliger Finanzminister aus Athen zu Besuch kommt.

Yanis Varoufakis, 54, im Hauptberuf derzeit Buchautor und Redner, betritt die Bühne gewohnt krawattenfrei, mit schief gelegtem Kopf und rudernden Armen. „Ich habe mein ganzes Leben in Universitäten verbracht“, sagt beinahe atemlos der Ökonom mit griechischer und australischer Staatsbürgerschaft, der überwiegend in England und den USA gelehrt und gewirkt hat. An solchen Orten überkomme ihn immer ein Hochgefühl.

Der Wissenschaftler will zurück in die Gemeinde der Wissenschaftler, die in der Debatte elegant die Klingen kreuzen, das signalisiert er mit jedem Wort. Der Ausflug in die Politik inmitten der Euro-Krise mag seinen Ruf beschädigt und ihn streckenweise zur Karikatur verfremdet haben. Er hat ihn auch berühmt gemacht, und auf dieser Woge will er als Ökonom offensichtlich weiter reiten.

Ifo-Chef Hans-Werner Sinn, in Euro-Fragen längst eine Koryphäe und ein nachweislich unabhängiger Kopf, bietet dem Griechen diese Bühne. Schließlich haben die beiden unlängst im selben Verlag (Hanser) ein Buch veröffentlicht; das schafft Nähe. Und das Publikum ist da: Mehr als 800 Zuhörer sind herbei geströmt, darunter 50 Journalisten, um Varoufakis zu lauschen.

Doch er erklärt nicht die dramatischen Ereignisse dieses Sommers, die Widersprüche, die verbalen Entgleisungen, den ganzen Referendums-Krimi. Er sagt auch nicht, wie der Euro zu retten sei, sondern scheint das ganze Projekt abgeschrieben zu haben, jedenfalls solange Deutschland und Frankreich es nicht endlich komplett neu aufsetzen.

Varoufakis gibt den ehrlichen Makler. Dass Griechenland bankrott sei, damit habe er sich schon 2010 in den griechischen Medien unbeliebt gemacht. Einen Plan, wie man die Schulden in den Griff kriegen und das Land wieder flott machen könnte, habe er bei Amtsantritt natürlich gehabt, aber nicht veröffentlicht, sondern sich (sein Fehler, wie er gönnerhaft sagt) auf eine elende Reihe von geheimniskrämerischen Verhandlungen mit der EU-Kommission, der Euro-Gruppe, dem IWF, den Regierungschefs, den Finanzministern eingelassen, bei denen man nie jemanden auf irgendetwas habe festnageln können.

Varoufakis dreht den Spieß um: Nicht er ist der gewiefte Spieltheoretiker und Taktiker, der seine Gesprächspartner zur Verzweiflung trieb. Die anderen waren es, die die Komödie des „pretend and extend“ bis zum bitteren Ende gespielt haben: Vorgeben, dass Griechenland nicht pleite ist, und das tödliche Gift der Kredite immer weiter verabreichen.

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