Youtube
Zeugnis des syrischen Bürgerkriegs gefährdet

Das Internet ist voll von Kriegsfilmen. Um die Nutzer vor dem Anblick brutaler Gewalt zu schützen, will Youtube nun viele der Videos löschen. Doch es geht auch um Kanäle, die Menschenrechtsverletzungen dokumentieren.
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BeirutDer Bürgerkrieg in Syrien ist nicht nur einer der brutalsten der modernen Zeit. Von kaum einem anderen haben Amateurfilmer so viel Video-Material veröffentlicht. Hunderttausende Mitschnitte aus den zurückliegenden sieben Jahren zeigen auf der Internet-Plattform Youtube das ganze Ausmaß des Grauens: Luftangriffe auf Städte, hungernde Kinder, die Folgen des Einsatzes von Chemiewaffen, das Enthaupten von Geiseln durch radikale Islamisten.

Die Bilder sind in ihrer Brutalität oft abstoßend. Doch gleichzeitig sind sie ein gigantisches Archiv, das die Ereignisse des Krieges dokumentiert und zum Teil auch Täter entlarvt. Trotzdem hat der zum Google-Konzern gehörende Dienst in den vergangenen Monaten viele dieser Videos aus dem Netz genommen. Grund dafür sind neue Richtlinien zum Umgang mit Gewaltszenen – vor allem mit solchen, die als Propaganda für terroristische Gruppen dienen könnten.

Die neue Zensur trifft allerdings nicht nur Terroristen. Auch Aktivisten in Syrien sind alarmiert. Einige bemühen sich verzweifelt um alternative Speichermöglichkeiten. Doch Youtube ist wegen der technischen Infrastruktur und der globalen Reichweite kaum zu ersetzen. „Es ist, als würden wir unsere Erinnerungen aufschreiben – nur eben nicht in ein eigenes Buch, sondern in das Buch eines Dritten. Und über dies haben wir keine Kontrolle“, sagt Hadi al Chatib von der Organisation Syrian Archive, die seit 2014 Belege für die Gräueltaten von allen Konfliktparteien sammelt.

Mindestens 180 Youtube-Kanäle mit Bezug zu Syrien seien seit Juni geschlossen worden, sagt al Chatib. Nach Beschwerde seiner Organisation habe das US-Unternehmen etwa 20 Kanäle wieder freigeschaltet und damit 400.000 Videos wieder verfügbar gemacht. Das Schicksal von 150.000 weiteren Amateurfilmen hänge aber noch von einer erneuten, zum Teil automatisierten Prüfung durch Youtube ab.

Erst im August hatte der Internationale Strafgerichtshof einen möglichen Präzedenzfall geschaffen, indem er auf Grundlage von Video-Material Haftbefehl gegen einen libyschen Militärführer erließ. Youtube steht nach eigenen Angaben im Dialog mit den betroffenen Aktivisten aus Syrien. Alle zu unrecht entfernten Kanäle würden wieder hergestellt, heißt es aus dem Silicon Valley. Manchen sind solche Aussagen allerdings zu unsicher. „Das Risiko ist zu groß geworden. Dieser Plattform können wir die Beweise für Gewalt nicht mehr anvertrauen“, sagt Husam AlKatlaby von der einflussreichen Menschenrechtsgruppe Video and Documentation Center in Syria.

Viele Aktivisten können sich eine Alternative zu Youtube aber schlicht nicht leisten. Die Plattform bietet nicht nur kostenlose Benutzerkonten. Die Videos können hier auch mit sehr einfachen Mitteln bearbeitet, übersetzt und jederzeit hochgeladen werden. Gerade beim Filmen mit Smartphones unter extrem widrigen Umständen ist dies ein entscheidender Vorteil.

Schon während der ersten friedlichen Proteste gegen das Regime von Baschar Assad im Jahr 2011 veröffentlichten syrische Aktivisten unzählige Videos auf Youtube. Als der Konflikt immer blutiger wurde, zeigten auch die Videos immer öfter brutale Gewalt. Da die Kriegsgebiete für ausländische Journalisten bald kaum noch zugänglich waren, erfuhr die Weltöffentlichkeit zum Teil nur dank der Amateurvideos, was in Syrien vor sich ging. Einige Aufnahmen von den Bombenangriffen Assads auf Aleppo wurden millionenfach angesehen.

Um anstößiges Material herauszufiltern, setzte Youtube lange vor allem auf Hinweise von anderen Nutzern. Im syrischen Kontext führte dies jedoch zu politisch motivierten Kampagnen: Gegner und Anhänger des Regimes schwärzten sich ununterbrochen gegenseitig an. In Europa und den USA wuchs unterdessen der Druck auf die Internet-Konzerne, die Verbreitung extremistischer Inhalte zu verhindern.

Youtube führte daraufhin ein Verfahren ein, bei dem ein Algorithmus die vielen Millionen Videos durchforstet und durch maschinelles Lernen besser darin wird, bestimmte Muster zu erkennen. Das dabei als bedenklich erfasste Material wird anschließend von Menschen geprüft und gegebenenfalls entfernt. Den Aktivisten wird empfohlen, ihre Videodateien mit zusätzlichen Angaben zum Kontext zu versehen, damit sie sich besser als Zeugnisse von Menschenrechtsverstößen einordnen lassen.

Anschauliche Bilder könnten großen Einfluss auf die öffentliche Wahrnehmung haben – so wie einst beim Vietnamkrieg der USA, sagt Robin Gross von der Organisation IP Justice, die sich für Freiheit im Internet einsetzt. „Selbstlernende Software berücksichtigt nicht die Notwendigkeit, einen Konflikt zu verstehen, und wie Bilder, selbst wenn sie abstoßend sind, zu einem besseren Verstehen beitragen.“

Für viele syrische Aktivisten kamen die aktuellen Zensur-Maßnahmen von Youtube zudem ohne jede Vorwarnung. Die Betreiber des Kanals Schaam News Network (SNN) mit fast 400.000 Videos und insgesamt etwa 90 Millionen Aufrufen erhielten im Juli plötzlich die Nachricht, dass ihr Kanal nicht mehr existiere. Verwirrenderweise sei der Account kurz darauf wiederhergestellt worden, nur um dann erneut geschlossen und wieder freigeschaltet zu werden, sagt der SNN-Sprecher Misjan Altauil. „Wir sind jetzt in ständiger Alarmbereitschaft.“

Das Syrian Archive bemüht sich, zwischen Youtube und einzelnen Aktivisten-Gruppen zu vermitteln. Mit sechs Mitarbeitern und einem Budget von umgerechnet etwa 80.000 Euro lädt die Organisation parallel viele der Videos auf eigene Server herunter. Finanzielle Unterstützung erhält sie dabei von der Digital News Initiative des Youtube-Mutterkonzerns Google. Ihm sei immer bewusst gewesen, dass man sich mit dem Hochladen von Videos aus Kriegsgebieten in einer Grauzone bewege, sagt Al Chatib. Trotzdem sei das Material sehr wichtig. „Wenn sie es entfernen, haben sie zwar keine anstößigen Inhalte mehr, aber dann gibt es auch keine Beweise mehr.“

Agentur
ap 
Associated Press / Nachrichtenagentur

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