Yukos-Gründer zu neun Jahren Haft verurteilt
Chodorkowskij: "Urteil im Kreml gefällt“

Der frühere russische Ölmagnat und Kreml-Kritiker Michail Chodorkowskij (41) ist in einem umstrittenen Strafprozess in Moskau unter anderem wegen Betrugs und Steuerhinterziehung zu neun Jahren Lagerhaft verurteilt worden.

HB MOSKAU. Ein Moskauer Gericht sprach den Gründer des Energiekonzerns Yukos am Dienstag nach einem elfmonatigen höchst umstrittenen Verfahren in sechs von sieben Anklagepunkten schuldig. Lediglich der Vorwurf wiederholter Dokumentenfälschung wurde fallen gelassen. Chodorkowskijs Anwältin kündigte umgehend an, das Urteil innerhalb der nächsten zehn Tage anzufechten. Auch der mitangeklagte Geschäftspartner Platon Lebedew erhielt eine Hafttrafe von neun Jahren. Chodorkowskij sprach von einem typischen Beispiel korrupter russischer Justiz. „Mein Urteil wurde im Kreml gefällt“, ließ der 41-Jährige erklären. Auch Beobachter zeigten sich überzeugt, dass der Prozess von Präsident Wladimir Putin beeinflusst worden sei. US-Präsident George W. Bush äußerte sich kritisch zum Prozessverlauf und sprach von einer Vorverurteilung Chodorkowskijs.

Mit der Strafe blieb das Gericht ein Jahr unter dem von der Staatsanwaltschaft geforderten Höchstmaß von zehn Jahren. Während der insgesamt zwölf Tage dauernden Urteilsverkündung hatten die Richter von Beginn an keinen Zweifel daran gelassen, dass sie den Yukos-Gründer und seinen Geschäftspartner verurteilen würden. „Chodorkowskij und Lebedew waren Mitglieder einer organisierten Gruppe, die sich das Eigentum anderer Leute illegal angeeignet und dann mit Gewinn verkauft hat“, sagte die vorsitzende Richterin Irina Kolesnikowa zur Begründung. Beide Männer hatten wie viele andere Unternehmer in Russland im Zuge der Privatisierungswelle nach dem Ende der Sowjetunion in den neunziger Jahren ein Milliarden-Vermögen angehäuft. Die Staatsanwaltschaft kündigte unmittelbar nach dem Urteil neue Anklagepunkte gegen Chodorkowskij an, Details nannte sie jedoch nicht.

Chodorkowskij nahm die Bekanntgabe des Strafmaßes regungslos und mit starrem Blick entgegen. Später kommentierte er seine Verurteilung mit Zynismus: „Ich denke, dies ist ein Testament der Basmanny-Justiz.“ Basmanny ist der Name des Gerichts, in dem die ersten Anhörungen des Verfahren stattfanden. Für die Anhänger Chodorkowskijs ist er mittlerweile zum Synonym für die Korruption der russischen Justiz geworden. Viele Kritiker sahen den Prozess und die gleichzeitige Zerschlagung des Yukos-Konzerns als politisch motiviert an. Der ehemals reichste Mann Russlands hatte Ambitionen erkennen lassen, Präsident Putin herauszufordern.

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