Zaghaften Proteste sind abgebbt
Maut in London: Wenig Autos – wenig Geld

Am Donnerstag war es noch einmal wie früher. Auf den Londoner Straßen drängelten sich Tausende Autos zur abendlichen Rush Hour aneinander, Busse rollten im Schritttempo, und die Bürger ließen das Verkehrschaos gelassen über sich ergehen.

Schuld an der Überfüllung war dieses Mal aber nur der halbstündige Stromausfall, der eine halbe Million U-Bahn-Pendler schlagartig an die Oberfläche beförderte. Ansonsten hat London gut sechs Monate nach Einführung der Straßengebühr (Congestion Charge) offenbar mit vollen Straßen wenig Probleme. Seit Mitte Februar zahlt jeder Autofahrer in London fünf Pfund (gut sieben Euro) am Tag, wenn er tagsüber mit seinem Wagen in die 21 Quadratkilometer breite, ringförmige Zone um die Innenstadt einfährt. Mehr als 200 Kameras nehmen die Nummernschilder aller Autos auf. Wer nicht spätestens bis zum Abend desselben Tages bezahlt hat, muss bis zu 120 Pfund Strafe leisten.

Die ohnehin zaghaften Proteste über die Gebühr sind abgeebbt, angedrohte Attacken militanter Autofahrer auf Überwachungskameras blieben aus. Klagen von City-Geschäften, dass kaum Kunden zu ihnen fahren, hört man nur vereinzelt. Bürgermeister Ken Livingstone spricht schon von einem „überwältigenden Erfolg“ – obwohl sich der erst langfristig erweisen muss.

Die Auswirkungen haben Londons Verkehrsplaner überwältigt. Nach Angaben des Mayors nahm die Überfüllung schlagartig ab. Der Verkehr in den Rush-Hours verringerte sich um 40 %, in der Zone fahren im Schnitt 16 % weniger Autos. Auch die Durchschnittsgeschwindigkeit erhöhte sich um mehr als ein Drittel auf 17 Kilometer pro Stunde.

Doch es gibt auch andere Zahlen. Der Verkehrs-Informationsdienst Trafficmaster kam nach eigenen Erhebungen zu dem Ergebnis, dass einige Ausfallstraßen noch voller sind als vorher. „Man kann nicht sagen, dass der Verkehr überall zurückgeht“, sagt eine Sprecherin von Trafficmaster. Livingstone weist solche Vermutungen zurück, deutet aber andere Probleme an. So werden längst nicht alle Pendler erwischt, die „schwarz“ in die Zone fahren. Bislang stellt die für die Organisation zuständige Firma Capita am Tag rund 6000 Strafzettel für Nichtzahler aus, gut 5 % aller Gebührenpflichtigen. Tatsächlich verweigern sich weit mehr. Diese werden auch von den Kameras erfasst, aber nicht angemahnt – offenbar weil Capita mit der Datenflut überfordert ist.

Wie viele Pendler schwarzfahren, sagt der Mayor nicht. „Wir wollen nicht, dass sie sich ihre Chancen ausrechnen können, davonzukommen“, erklärt Peter Hendy, Managing Director von Transport for London. Immerhin scheint die Zahl der Verweigerer so groß zu sein, dass Livingstone die Verträge mit Capita ändern lässt. Das Geld für den Betreiber hängt künftig davon ab, wie viele Strafbefehle er ausstellt.

Der wegen seiner linken Vergangenheit auch „Rote Ken“ genannte Livingstone spürt freilich auch eine Kehrseite des Erfolges. Eigentlich sollten seit Februar fließende Erträge helfen, das öffentliche Verkehrsnetz zu reformieren. Vor allem die unterfinanzierte „teuerste U-Bahn der westlichen Welt“ (Livingstone) lechzt nach Investitionen. Doch das Ausbleiben der Autos brennt ein neues Loch ins Budget, bislang 60 Millionen Pfund. „Wir haben die Congestion Charge nicht eingeführt, um Geld zu verdienen“, sagt der Mayor zwar tapfer. Dennoch muss er sich das Geld beschaffen. An Ideen mangelt es nicht: Kürzlich verkündete er eine saftige Preiserhöhung für die Tube.

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