Zahl der Hungernden steigt an
Finanzkrise überschattet den Kampf gegen Armut

Experten warnen davor, angesichts der Finanzkrise die Bekämpfung der weltweiten Armut zu vergessen. Denn die Zahl der Hungernden ist nach dem Welthunger-Index inzwischen auf 923 Millionen gestiegen - In den Schwellenländern haben sich die Preise für Lebensmittel bisweilen verdreifacht.

DÜSSELDORF. Für 2007 hatten die Welthungerhilfe in Bonn und das Forschungsinstitut für Ernährungspolitik (IFPRI) in Washington noch 848 Millionen gezählt.

Weil die Statistik etwa zwei Jahre Zeitverzug hat, bilden die jüngsten Zahlen noch nicht die Folgen des starken Anstiegs der Lebensmittelpreise ab. IFPRI-Chef Joachim von Braun schätzt, dass dadurch 100 bis 150 Millionen Menschen zusätzlich in Not geraten sind. Besonders schlecht ist die Lage südlich der Sahara - auch im langfristigen Vergleich: Kongo beispielsweise ist seit 1990 abgerutscht. Verbesserungen gab es dagegen in Lateinamerika, zum Beispiel in Peru.

Weltbank-Präsident Robert Zoellick hatte auf der Tagung des Internationalen Währungsfonds in Washington jüngst vor den Auswirkungen der weltweiten Lebensmittelkrise gewarnt. Weil sich in einigen Schwellenländern die Preise verdoppelt hätten, seien Familien gezwungen, das Geld bei der Ausbildung der Kinder einzusparen. "Wir verlieren eine Generation", beklagte er. Zoellick befürchtet ebenso wie IFW-Chef Dominique Strauss-Kahn, dass die Finanzkrise die Hungerkrise, die viel mehr Menschen direkt in Not bringt, in den Schatten geraten lässt.

Zwar hat die Weltbank Hilfsprogramme für Hungernde aufgelegt; so sagte sie im Mai ein Soforthilfeprogramm über 1,2 Milliarden Dollar zu. Beobachtern gilt dies nur als Tropfen auf den heißen Stein. So kritisiert Masangu Mulongo, Zentralbankchef in Kongo: "Afrika benötigt 25 Milliarden Dollar Krisenhilfe für 800 Millionen Menschen. Der Paulson-Plan zur Bewältigung der Finanzkrise in den USA kostet 700 Milliarden und wurde innerhalb von nur einer Woche beschlossen." Unterstützung bekam er von Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel: "Wenn wir die Wall Street retten, können wir auch Menschen retten".

Von Braun sagte, die Preise für Agrarrohstoffe seien in den vergangenen Jahren um das zwei- bis dreifache gestiegen. Zudem seien die Schwankungen auf dem Getreidemarkt so hoch wie die auf dem Ölmarkt und beim Reis noch einmal 50 Prozent größer: "Sie können sich vorstellen, was das für Leute bedeutet, die die Hälfte oder mehr ihres Einkommens für Nahrung ausgeben müssen." Die Finanzkrise habe zwar Erleichterung gebracht, weil die Preise dadurch von ihren Spitzenwerten in der ersten Jahreshälfte wieder abgesackt seien. Jedoch fehlt infolge der Krise jetzt auch Kapital für den Ausbau der Produktion. Von Braun setzt auf politische Programme einzelner Staaten. Er fordert ein Bündel von Maßnahmen, angefangen von einer besseren Bekämpfung von Viehseuchen über den Ausbau der Fischerei bis zu technischen Verbesserungen und einer stärkeren Einbeziehung von Frauen in landwirtschaftliche Modernisierungsprogramme.

Peter Brabeck-Letmathe, Präsident von Nestlé, forderte einen Stop aller Subventionen für den Anbau von Biokraftstoffen. Der Weltenergiemarkt sei in Kalorien gerechnet 20 mal so groß wie der Lebensmittelmarkt. Daher müssten, um allein sechs Prozent des weltweiten Energie durch Biokraftstoffe zu decken, die Agrarflächen verdoppelt werden. "Wo soll das herkommen?" fragte er. Nach seiner Einschätzung ist Europa bei der Abkehr von Biokraftstoffen erheblich weiter als die USA. Von den Europäern forderte er aber, ihre Vorbehalte gegen genetisch veränderte Lebensmittel aufzugeben.

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