Zehn Jahre nach Srebrenica
Ein Überlebender berichtet

Jede Nacht kommen die Leichenberge zurück zu Mevludin Oric. Der 35-Jährige sieht hunderte toter Körper, riecht sie, spürt die Hand seines erschossenen Cousins. Oric hat das Massaker von Srebrenica überlebt.

HB ILLIJAS. Er lag in einer Turnhalle unter anderen moslemischen Männern, die von serbischen Soldaten am 11. Juli 1995 getötet worden waren. Oric atmete, die anderen waren tot. „Als die Soldaten schossen, ließ ich mich fallen, obwohl ich nicht getroffen war“, erzählt Oric.

Serbische Soldaten töteten 8000 Männer und Jungen nachdem Anführer Radovan Karadzic den Befehl zur Eroberung Srebrenicas gegeben hatte. Frauen und Kinder waren zuvor in Bussen aus der Stadt gebracht worden. Die ostbosnische Gemeinde war eine moslemische Enklave in von Serben erobertem Gebiet, die Vereinten Nationen (UN) hatten sie zur Schutzzone erklärt. Das Verbrechen gilt als schlimmste Gräueltat an Zivilisten in Europa seit Ende des Zweiten Weltkriegs.

Etwa 15.000 bosnische Soldaten und Zivilisten flohen vor den serbischen Soldaten in die Berge, unter ihnen Oric, sein Vater und sein Cousin. Serbische Truppen fanden ihn zwei Tage später. Er wurde zusammen mit 2500 Moslems in eine Turnhalle gesperrt. Dort sah der Mann den gefürchteten Serben-General Ratko Mladic. „Die Menschen flüsterten: Dort, schaut, da ist Mladic. Er stand dort mit seinen Leibwächtern, schaute über uns hinweg und lachte.“ Als er weg war, wurden die 2500 Männer in Gruppen zu Abschießplätzen gefahren. „Nachdem Mladic gegangen war, begannen sie mit dem Töten.“

Oric lag neben seinem toten Cousin unter den hunderten anderen Leichen. Er habe die Serben sagen hören: „Wir schießen allen in den Kopf, damit sie auch wirklich tot sind.' „Als ich all die Toten sah, dachte ich, ich kann genauso gut sterben.“

Oric fiel in Ohnmacht. Als er zu sich kam, war es Nacht. Vorsichtig schob er die Leichen über ihm zur Seite und kletterte ins Freie. „Ich sah hunderte aufgeschichteter Körper. Ich begann zu weinen und zu schreien, ich konnte mich nicht mehr kontrollieren.“ Oric sah den Schatten eines weiteren fliehenden Mannes im Mondlicht. Zu zweit rannten sie in den Wald und erreichten am 21. Juli bosnische Regierungstruppen.

Die mutmaßlichen Hauptverantwortlichen dieser Massentötung, Mladic und Karadzic, sind zehn Jahre nach der Tat noch immer untergetaucht. Das Kriegsverbrechertribunal der Vereinten Nationen (UN) in Den Haag hat Serbien mehrmals dazu aufgefordert, die zwei Männer auszuliefern. Oric kann nicht verstehen, dass Mladic noch nicht zur Rechenschaft gezogen wurde - der Mann, der auf ihn und die 2500 in der Turnhalle eingepferchten Gefangenen hinab sah und lachte. „Als ob Bosnien so groß wäre wie Amerika und sie ihn nicht finden können. Wie ist es möglich, dass sie ihn nicht festnehmen können?“, fragt der 35-Jährige.

Oric wohnt mit seiner Mutter und vier Kindern in der Kleinstadt Ilijas nordwestlich von Sarajevo. Er ist arbeitslos, lebt von umgerechnet 62,50 Euro Sozialhilfe im Monat. „Ich erwarte von Mladic, dass er die Wahrheit sagt, wenn er in Den Haag vor Gericht steht. Ich will wissen, wo die Massengräber sind. Mein Vater gilt noch immer als vermisst.“

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