0 Bewertungen
12.12.2006 
Letzte Ehre

Zehntausende Chilenen an Pinochets Sarg

Dem verstorbenen chilenischen Diktator Augusto Pinochet wird der Tod von 3 000 Oppositionellen während seiner 17-jährigen Herrschaft angelastet. Vielen Chilenen scheint das reichlich gleichgültig zu sein: Zehntausende von ihnen defilierten am Sarg des aufgebahrten Ex-Machthabers vorbei.

Chilenen am Sarg des gestorbenen Ex-Diktators Augusto Pinochet in der Militärakademie in Santiago. Foto: apLupe

Chilenen am Sarg des gestorbenen Ex-Diktators Augusto Pinochet in der Militärakademie in Santiago. Foto: ap

HB SANTIAGO. Bis zu 60 000 Menschen zogen nach einer Schätzung der Militärpolizei bis Dienstagmorgen in der Militärakademie von Santiago am offenen Sarg Pinochets vorbei. Wegen des großen Andrangs blieb die Akademie länger als geplant geöffnet.

Nach einem militärischen Zeremoniell, zu dem am Nachmittag an die 3 000 Angehörige, Freunde und die Spitze der Streitkräfte mitsamt Verteidigungsministerin Vivianne Blanlot erwartet wurden, sollte der Leichnam des 91-jährigen Ex-Generals nach Medienberichten in Concon in der Nähe seiner Geburtsstadt Valpariaso verbrannt werden. Aus Angst vor einer Schändung des Grabes durch Gegner seines Militärregimes habe die Familie auf die Erdbestattung verzichtet, sagte sein Sohn. Zeitgleich zum militärischen Zeremoniell planten linke Gruppen einen Zug zum Denkmal des von Pinochet 1973 gestürzten marxistischen Präsidenten Salvador Allende.

Die chilenische Regierung verzichtete darauf, Pinochet mit einem Staatsbegräbnis zu ehren. Sie müsse Entscheidungen im Interesse des ganzen Landes treffen, begründete die während der Diktatur selbst gefolterte Präsidentin Michelle Bachelet ihre Weigerung. Pinochets jüngster Sohn Marco Antonio warf der Regierung vor, sie sei zu einer noblen Geste nicht in der Lage. Pinochet wird der Mord an 3 000 Oppositionellen und Folterung von fast 30 000 Menschen vorgeworfen. Vor Gericht musste er sich deshalb aber nie verantworten.

Auch nach seinem Tod polarisiert Pinochet die Chilenen. Seine Anhänger verteidigten Pinochets von den USA unterstützten Militärputsch mit dem Argument, er habe das Land 1973 vor dem Kommunismus gerettet. Seine Gegner reagierten mit Freudenfeiern und zum Teil mit Krawallen auf die Nachricht vom Tod des Ex-Diktators.

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Anzeige

weiterBildergalerien

 

zurück vor
  • Steinmeiers Freunde und F...

    Steinmeiers Freunde und Feinde

    Alles läuft auf ihn zu: Frank-Walter Steinmeier könnte die SPD bei der Wahl 2009 anführen. Doch nicht alle führenden Genossen sind ihm wohl gesonnen. Wie jeder Politiker hat auch Steinmeier parteiinterne Gegner und Unterstützer. Seine Freunde und Feinde im Überblick. Bildergalerie 

  • „Datendieben den Garaus m...

    „Datendieben den Garaus machen“

    Auf einem Gipfeltreffen, das heute in Berlin stattfindet, suchen die Bundesregierung und Verbraucherverbände Wege, den illegalen Handel mit Kundendaten einzudämmen. Unternehmen fürchten das Verbot und warnen vor zu viel Regulierung. Einen Kompromiss zu finden könnte sc...Bildergalerie 

  • McCain begeistert die Rep...

    McCain begeistert die Republikaner

    Hurrikan Gustav und eine Schwangerschaft wirbelten den Parteitag der Republikaner durcheinander. Doch Vizekandidatin Palin begeisterte trotz des Familien-Skandals. Das Parteitreffen rundete dann John McCain mit einer umjubelten Rede ab.Bildergalerie 

  • Krönung und Konfetti

    Krönung und Konfetti

    Der Parteitag der Demokraten ist im vollen Gang. Die Show in Denver soll Begeisterung und Siegesgewissheit vermitteln. Es geht darum, die Herzen der Amerikaner zu gewinnen. Bildergalerie 

 

weiterGlobal Reporting

Ein-Parteien-Parlament in Ankara? 

07.09.2008, 12:18 UhrGlobal Reporting

Wie schnell sich die Zeiten ändern: noch vor sechs Wochen balancierten der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdogan und seine islamisch-konservative AKP im Verbotsverfahren vor dem türkischen Verfassungsgericht am Rand eines politischen Abgrunds. Nun steht die Partei stärker da als je zuvor. Blog


weiterMadagaskar

Back to the USSR 

20.08.2008Madagaskar

Krieg als Mittel der Politik ist auch im 21. Jahrhundert keine Ausnahme und nicht den Despoten vorbehalten. Blog