Zehntausende demonstrieren in der Ukraine gegen das Wahlergebnis
„Zieht euch warm an“

Schweiß rinnt über das vernarbte Gesicht. Die Ekzeme und Pusteln auf den Wangen Viktor Juschtschenkos glänzen im Scheinwerferlicht. So steht er jetzt da, der Mann, von dem sie sagen, er sei im Herbst vergiftet worden, um ihn am Sieg zu hindern. Er breitet die Arme aus und ruft: „Wir haben gesiegt. Punkt.“

KIEW. Das ist alles, was der ukrainische Oppositionsführer in diesem Moment zum Wahlergebnis in der Ukraine zu sagen hat. Jubel brandet auf im Kiewer Kulturpalast.

Es ist irgendwann mitten in der Nacht von Sonntag auf Montag, Unzählige orangefarbene Fahnen und Schals, die Farbe der Opposition, werden geschwenkt. Doch der Beifall ebbt schnell wieder ab. Selbst als die ersten Umfragen gleich nach Schließung der Stimmlokale einen deutlichen Sieg der Opposition voraussagen, bleibt die Stimmung im Wahlkampfzentrum merkwürdig gedrückt. Denn viele ahnen, was später kommt.

Tatsächlich flackern kurz darauf die ersten Zahlen der offiziellen Wahlkommission über den Bildschirm. Sie sehen den amtierenden Regierungschef Viktor Janukowitsch mit 49,4 Prozent klar vorn. Im Lager der Opposition machen noch andere, viel unglaublichere Zahlen die Runde. Im Donbass, der Region, aus der Janukowitsch stammt, haben angeblich 99,9 Prozent der Wahlberechtigten abgestimmt – die allermeisten für ihren lokalen Helden, den Regierungschef. Die Oppositionellen reden jetzt offen von „Wahlfälschung“ und „Manipulation“.

Es sind diese zwei Worte, die schon den ganzen Wahltag immer wieder zu hören waren. Keine Frage, im Land zwischen Donau und Don ist mit zweifelhaften Methoden um jede Stimme gestritten worden. Wenn nicht alles täuscht, geht deshalb der Wahlkampf weiter, die Opposition will das Ergebnis anfechten, mit zivilem Ungehorsam und Demonstrationen.

Auch Lessja gehört zu denen, die es leid sind: „Ist jetzt wirklich alles verloren?“ fragt sie ängstlich in den Saal. Noch am Morgen hat die 16-jährige Schülerin ihren zierlichen Körper gegen die Staatsmacht gestellt: Mit anderen Jugendlichen der Oppositionsbewegung „Pora“ hat sie sich im Morgengrauen am Kiewer Stadtrand vor die Räder von Bussen gelegt, mit denen Mitarbeiter des ukrainischen staatlichen Ölkonzerns Naftogaz zu Stimmabgaben außerhalb der Stadt geschafft werden sollen. Als die Fahrzeuge rückwärts ausbrechen wollen, stellen sich andere Jugendliche auf.

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