Zentralbank-Vize erschossen
Mord erschüttert Moskaus Finanzszene

Es war ein eiskalter Auftragsmord: Der Vizedirektor der russischen Zentralbank, Andrej Koslow, starb am frühen Morgen an den Folgen eines Anschlags. Er wollte sich in Moskau ein Fußballspiel ansehen, als zwei Männer das Feuer auf ihn eröffneten. Sein Mord gilt vielen als Beweis, dass Russlands Geschäftswelt unter Kremlherr Wladimir Putin keineswegs sicherer geworden ist.

MOSKAU. 21.10 Uhr in Moskau, Andrej Koslow verlässt gerade das Sportgelände vom Bayern-München-Champions-League-Gegner Spartak, wo er wie jeden Mittwoch ein kleines Fußball-Turnier der Zentralbank-Mannschaft gegen Vereine von Privatbanken gespielt hat. Mit mehreren Schüssen strecken Killer den bärtigen 41-Jährigen nieder.

Sein am Wagen wartenden Fahrer und Leibwächter wirft sich noch in die Schusslinie. Ihm verpassen sie sogar einen Kontrollschuss in den Kopf. Koslow wird vom Notarzt in die 33. Moskauer Klinik gebracht. Fünf Stunden versuchen die Ärzte das unmögliche. Um 5.30 Uhr müssen sie den Tod Koslows bekannt geben. Seither ermittelt Russlands mächtiger Generalstaatsanwalt.

Die beiden Schützen konnten entkommen. Über die möglichen Hintergründe der Bluttat lagen zunächst keine offiziellen Informationen vor. Generalstaatsanwalt Juri Semin sagte laut der russischen Nachrichtenagentur Interfax, die Tat könne in Zusammenhang mit Koslows „beruflichen Aktivitäten" stehen. Interfax zitierte Ermittlungskreise mit der Aussage, es werde von einem versuchten Auftragsmord ausgegangen.

„Angriff auf den Staat“

Kurz vor dem Tod hatte der Banken-Profi in Interviews noch bekannt gegeben, weiter das schwache und korrupte russische Bankenwesen eisenhart durchforsten zu wollen. Auch weitere Lizenz-Entzüge gegen die noch immer 1300 Banken – von denen gerade einmal gut 100 tatsächlich als seriöse Finanzinstitute angesehen werden können – standen bei ihm auf der Tagesordnung.

„Er war ein sehr mutiger und ehrlicher Mensch“, lobt ein erschütterter Finanzminister Alexej Kudrin das Mordopfer. Und als Grund für Koslows Tod schiebt er nach: „Er stand im harten Kampf gegen unsaubere Banken und Geldwäscher.“ Wladislaw Resnik, Vorsitzender des Parlaments-Bankenausschusses, hängt den Mord an Koslow sogar noch höher: „Das ist ein Angriff auf den Staat.“

Die Polizei nahm zunächst nicht weiter Stellung. Bei der Zentralbank hieß es, vor Donnerstag werde es keinen Kommentar zu dem Anschlag geben. Koslow ist der Internet-Site der Zentralbank zufolge verheiratet und hat drei Kinder.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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