Zivilisten in Mossul

„Wir sind menschliche Schutzschilde“

Seite 2 von 2:
Der Kampf mit dem Tod
Was aus einem Ort wird, in dem der IS gewütet hat
Das letzte Mahl
1 von 7

Auf dem Boden in der dreckigen Küche steht die wohl letzte Mahlzeit der IS-Bombenbastler von Baschika. Eine Kanne und zwei Töpfe, einer leer, im anderen ein verschimmelter Eintopf. Kelle und Löffel liegen unbenutzt daneben. Die Köche, Kämpfer der Terrormiliz Islamischer Staat, sind wohl tot. Hinterlassen haben sie versteckte Sprengsätze, die überall in der nordirakischen Geisterstadt darauf lauern, zu töten.

Ausgeklügeltes Tunnelsystem
2 von 7

Die Erde türmt sich überall in dem einst von Christen bewohnten Haus. Denn die Dschihadisten mischten im dunklen Badezimmer zwischen Eimern und Apparaten nicht nur die Chemikalien für Bomben. Sie gruben während ihrer Herrschaft über Baschika seit 2014 auch einige Tunnel. Wo die hinführen? Das weiß niemand. Die Kämpfer der Terrormiliz sollten in einem Haus verschwinden und an ganz anderen Orten wieder auftauchen können.

Geruch von Curry in der Luft
3 von 7

Ismael Abdel Rahman lebte in Baschika und ist nun als Besucher wiedergekommen. Er will seiner Familie zeigen, was von ihrem Haus und dem Gewürzladen übrig geblieben ist. Niedergeschlagen steht er vor den verbogenen Türen. Es riecht immer noch nach Kurkuma und Curry, aber der Verkaufsraum ist durchwühlt und chaotisch. „Es war zu viel Schmerz, als ich kam und den Laden so gesehen habe“, sagt der Mann.

Geisterstadt
4 von 7

Die Straße ist leer. Genau wie jeder Platz, jedes Haus und auch die Kirche des Ortes, deren Scheiben eingeschmissen sind, das Innere verwahrlost. Es herrscht absolute Stille, die nur zeitweise durch das Grollen des Himmels unterbrochen wird: Kampfjets, die Bomben auf das nahe Mossul werfen, in dem der IS noch immer einen Großteil des Stadtgebietes kontrolliert.

Bürokratie à la IS
5 von 7

Sie beschmierten die Wände mit Filzstift: „Entweder der Sieg oder sterben mit Gottes Willen“ steht dort geschrieben. In einer Schublade findet sich ein Papier. „Erlaubniskarte“ steht drauf, und daneben „Islamischer Staat“. Ein Kämpfer reichte damit einen dreitägigen Urlaub ein. Ein Stempel zeigt an: Der Bitte wurde stattgegeben. Bürokratie à la IS.

Herrscher über eine leere Stadt
6 von 7

Seit November ist die IS-Herrschaft vorbei. Mit der Offensive der irakischen Armee und seiner Verbündeten auf Mossul wurde auch das nahe Baschika von kurdischen Kämpfern eingekreist und schließlich erobert. Wohl mehr als 100 IS-Kämpfer wurden getötet. Sie hatten über eine leere Stadt geherrscht. Die Bewohner, vor allem Jesiden und Kurden, waren geflohen, kurz bevor die Extremisten die Stadt überrannten. Nun ist sie zerstört.

Explosives Vermächtnis
7 von 7

0 bis 40 Prozent der Häuser seien zerstört, erzählt General Bahram Jasin von den kurdischen Peschmerga, die ihr Lager am Stadtrand aufgebaut haben. Und Gefahr bestehe weiterhin: „Wir haben eine Karte gefunden, die die Sprengfallen des IS zeigt. Auf dieser einzigen Karte sind 2010 Sprengsätze eingezeichnet.“ Die Räumung wird Monate dauern. Aber ob die ehemaligen Bewohner dann zurückzukehren wollen, ist fraglich.

Eine Krankenschwester versucht, sie zu beruhigen. „Ruhig. Sie sind in Sicherheit“, murmelt Schwester Renas. Viele der Patienten in dem überfüllten Hospital hätten Alpträume, sagt sie. „Sie rufen nach Familienmitgliedern, die vor ihren Augen umgekommen sind. Ich kann nur versuchen, sie zu beruhigen. Ich fühle ihren Schmerz, als ob es mein eigener wäre.“

Chefpfleger Rauf Mohammed sagt, Hunderte Patienten aus Mossul, die seit Beginn der Militäroffensive in seinem Notfall-Krankenhaus behandelt wurden, hätten alle ähnliche Verletzungen: „Verletzungen durch Granatsplitter oder Schussverletzungen durch Heckenschützen.“

„Warum? Wo ist Gott? Wo?“ - Jasa klammert sich an die blutüberströmten Kleider ihrer Tochter und weint Tränen der Verzweiflung. Ihr Mann Ramasan kann nur hilflos zusehen. In nur einem Augenblick haben sie zwei Töchter verloren. Die 18 Monate alte Enkelin ringt mit dem Tod. Die Drei hatten im Garten gespielt, als ein IS-Sprengsatz explodierte, berichtet Ramasan. Die Dschihadisten attackieren nicht nur flüchtende Zivilisten, sondern auch jene, die in befreite Stadtteile zurückkehren. Vor ihrer Flucht verminten sie die Häuser der Bewohner.

Fälle wie dieser sind zur traurigen Normalität geworden, sagt Rauf Mohammed. Nicht nur hier, sondern in jedem der etwa ein Dutzend Krankenhäuser in Erbil. Seit Oktober haben mehr als 100.000 Menschen aus Mossul in Flüchtlingslagern in den umliegenden Provinzen Schutz vor den Kämpfen gesucht. Im größten von ihnen, Al-Chaser, leben mehr als 30.000 Flüchtlinge. Jeden Tag kommen weitere hinzu.

Friseur Hassan Soran, der sich im Lager etwas Geld mit Haareschneiden verdient, ist wütend auf die Dschihadisten. Zwei Jahre lang habe der IS den Menschen seine Regeln aufgezwungen: Bärte wachsen lassen, fünf Mal am Tag beten, keine Zigaretten rauchen. Wer sich nicht an diese Regeln gehalten habe, sei öffentlich bestraft worden. „Wir hatten nichts zu essen, kein Geld, es gab kein elektrisches Licht, die Hygiene-Bedingungen waren furchtbar und bei Regen waren die Straßen überflutet. Wer will schon so leben?“, beklagt er sich.

Umm Ahmed, die mit ihrem Mann und sechs Kindern geflohen ist, sieht keine Hoffnung auf eine Rückkehr. Im Irak gebe es keine Zukunft mehr für sie. „Wer will schon seine Kinder an einem Ort großziehen, wo es nur Hunger, Armut und Dreck gibt“, sagt sie und blickt zwischen den Zelten von Al-Chaser um sich. „Letztendlich werden wir uns nach Europa oder Amerika aufmachen. Dort liegt unsere Zukunft.“

  • dpa
Startseite
Seite 12Alles auf einer Seite anzeigen

Mehr zu: Zivilisten in Mossul - „Wir sind menschliche Schutzschilde“

0 Kommentare zu "Zivilisten in Mossul: „Wir sind menschliche Schutzschilde“"

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%