Zivilisten in Mossul: Der Kampf mit dem Tod

Zivilisten in Mossul
„Wir sind menschliche Schutzschilde“

  • 0

Der Kampf mit dem Tod

Eine Krankenschwester versucht, sie zu beruhigen. „Ruhig. Sie sind in Sicherheit“, murmelt Schwester Renas. Viele der Patienten in dem überfüllten Hospital hätten Alpträume, sagt sie. „Sie rufen nach Familienmitgliedern, die vor ihren Augen umgekommen sind. Ich kann nur versuchen, sie zu beruhigen. Ich fühle ihren Schmerz, als ob es mein eigener wäre.“

Chefpfleger Rauf Mohammed sagt, Hunderte Patienten aus Mossul, die seit Beginn der Militäroffensive in seinem Notfall-Krankenhaus behandelt wurden, hätten alle ähnliche Verletzungen: „Verletzungen durch Granatsplitter oder Schussverletzungen durch Heckenschützen.“

„Warum? Wo ist Gott? Wo?“ - Jasa klammert sich an die blutüberströmten Kleider ihrer Tochter und weint Tränen der Verzweiflung. Ihr Mann Ramasan kann nur hilflos zusehen. In nur einem Augenblick haben sie zwei Töchter verloren. Die 18 Monate alte Enkelin ringt mit dem Tod. Die Drei hatten im Garten gespielt, als ein IS-Sprengsatz explodierte, berichtet Ramasan. Die Dschihadisten attackieren nicht nur flüchtende Zivilisten, sondern auch jene, die in befreite Stadtteile zurückkehren. Vor ihrer Flucht verminten sie die Häuser der Bewohner.

Fälle wie dieser sind zur traurigen Normalität geworden, sagt Rauf Mohammed. Nicht nur hier, sondern in jedem der etwa ein Dutzend Krankenhäuser in Erbil. Seit Oktober haben mehr als 100.000 Menschen aus Mossul in Flüchtlingslagern in den umliegenden Provinzen Schutz vor den Kämpfen gesucht. Im größten von ihnen, Al-Chaser, leben mehr als 30.000 Flüchtlinge. Jeden Tag kommen weitere hinzu.

Friseur Hassan Soran, der sich im Lager etwas Geld mit Haareschneiden verdient, ist wütend auf die Dschihadisten. Zwei Jahre lang habe der IS den Menschen seine Regeln aufgezwungen: Bärte wachsen lassen, fünf Mal am Tag beten, keine Zigaretten rauchen. Wer sich nicht an diese Regeln gehalten habe, sei öffentlich bestraft worden. „Wir hatten nichts zu essen, kein Geld, es gab kein elektrisches Licht, die Hygiene-Bedingungen waren furchtbar und bei Regen waren die Straßen überflutet. Wer will schon so leben?“, beklagt er sich.

Umm Ahmed, die mit ihrem Mann und sechs Kindern geflohen ist, sieht keine Hoffnung auf eine Rückkehr. Im Irak gebe es keine Zukunft mehr für sie. „Wer will schon seine Kinder an einem Ort großziehen, wo es nur Hunger, Armut und Dreck gibt“, sagt sie und blickt zwischen den Zelten von Al-Chaser um sich. „Letztendlich werden wir uns nach Europa oder Amerika aufmachen. Dort liegt unsere Zukunft.“

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

Kommentare zu " Zivilisten in Mossul: „Wir sind menschliche Schutzschilde“"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%