Zu starke Expansion
Osteuropa wird zum Risiko für Österreich

Zum ersten Mal seit zehn Jahren wächst die Wirtschaft in Deutschland wieder stärker als im Nachbarland Österreich. Die Alpenrepublik hat sich zu sehr auf Osteuropa konzentriert und dabei den Rest der Welt aus dem Blick verloren - mit erheblichen Folgen für Österreichs Exportwirtschaft.
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WIEN. Als das kleinere Land pflegt Österreich seine Rivalität zum großen Nachbarn Deutschland ganz besonders. Deshalb war es für die österreichische Seele eine Genugtuung, dass die heimische Wirtschaft in der Vergangenheit immer ein wenig stärker gewachsen ist als die deutsche. "In den zurückliegenden zehn Jahren waren es immer mindestens 0,5 Prozentpunkte mehr als in Deutschland", sagt Karl Aiginger, Chef des Wiener Wirtschaftsforschungsinstituts Wifo. Doch im laufenden Jahr haben die lange geschlagen geglaubten Deutschen unerwartet den Spieß umgedreht: Die deutsche Volkswirtschaft wird mit deutlich über drei Prozent wachsen, die Österreicher schaffen höchstens zwei Prozent. Plötzlich geht in der Alpenrepublik die Sorge um, wieder dauerhaft zurückzufallen.

Österreich hatte in den vergangenen Jahrzehnten deutlich aufholen und letztlich das mit der Wiedervereinigung beschäftigte Deutschland sogar überholen können. So lag das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf laut Internationalem Währungsfonds (IWF) 2009 in Österreich bei 46 000 US-Dollar, die Deutschen erwirtschafteten im Durchschnitt weniger als 41 000 Dollar. Besonders extrem war der Unterschied 2007 und 2008. Während Österreich in den beiden Kalenderjahren mit realen Wachstumsraten von 3,7 und 2,2 Prozent glänzen konnte, musste sich Deutschland mit 2,7 und 1,0 Prozent bescheiden.

Vor allem die starke Expansion von Banken und Industrie nach Osteuropa hatte der Alpenrepublik den anhaltenden Aufschwung beschert. Doch jetzt zeigt sich, dass die Österreicher sich zu sehr auf ihre unmittelbaren Nachbarn im Osten verlassen hatten. Etliche Länder der Region wie etwa Kroatien und Rumänien machen 2010 zum zweiten Mal in Folge ein Rezessionsjahr durch - mit entsprechenden Folgen für die österreichische Exportwirtschaft, die dort weniger verkauft.

Die länger anhaltende Ostkrise schlage einfach stärker auf Österreich durch als auf Deutschland, bestätigt auch Helmut Kern, Chef der Unternehmensberatung Pricewaterhouse-Coopers in Wien. Die österreichischen Banken halten zwar hartnäckig an ihrer Osteuropa-Strategie fest: "Der Konvergenzprozess zwischen Ost und West geht unverändert weiter", unterstreicht Herbert Stepic, Chef der Raiffeisenbank International (RBI). Die Angleichung der Lebensverhältnisse dauert wegen der Folgen der Finanzkrise jedoch wesentlich länger. Das Wirtschaftswachstum in Osteuropa wird in den kommenden Jahren um einiges niedriger ausfallen als in der Vergangenheit - mit entsprechenden Folgen für Österreichs Wirtschaft und seine Unternehmen.

Vor allem aus den Reihen der politisch Verantwortlichen kommt inzwischen der vorsichtige Hinweis, dass Österreich vielleicht seine Ausfuhrstrategie ändern sollte. "Wir arbeiten bereits an der Diversifikation unserer Exportstruktur", sagt Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner. Ein Blick nach Deutschland zeigt eindeutig, wohin die Exporteure künftig stärker liefern sollen: nach Asien und in den Nahen Osten.

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