Zu viel Stress
Davos-Elite meditiert mit Goldie

Wenn die WEF-Besucher der Debatten über Bündnisse, Krisen und Wohltätigkeitsprojekte überdrüssig sind, können sie am Donnerstag zum Kongresszentrum gehen. Dort erklärt Hollywood-Star Goldie Hawn den Wert von Meditation.
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DavosDas Panel zum Thema „Achtsamkeit“ mit Schauspielern Goldie Hawn – die aus Filmen wie dem Kassenschlager „Shampoo” von 1975 bekannt ist – gehört zu den 25 Veranstaltungen beim Weltwirtschaftsforum 2014, bei denen sich alles um Wellness, psychische Verfassung und womöglich schädliche Folgen der Technologie auf das Gehirn dreht. Die Präsentationen im Zusammenhang mit dem Wohlbefinden sind seit 2008 um mindestens 50 Prozent gestiegen.

Das Thema verdeutlicht, dass die Sorge um Stress und seine Auswirkungen auf die Geschäfte unter den Eliten in Davos zunimmt. Schließlich haben die Manager und Politiker die letzten fünf Jahre viel um die Ohren gehabt – von der Krise nach der Pleite von Lehman Brothers bis hin zum Bürgerkrieg in Syrien. Und alle waren dabei rund um die Uhr dem Piepsen und Surren ihrer Smartphones ausgesetzt.

Unter den Davos-Teilnehmern „gibt es vielleicht die zunehmende Erkenntnis, dass das Stressniveau der letzten fünf Jahre nicht weggeht”, sagt Robert Greenhill, Geschäftsführer des Forums. „Wir mögen uns zwar nicht mehr in einer Krise wie damals befinden, aber das Gefühl einer wieder zurückkehrenden Selbstzufriedenheit bleibt aus.”

Das Ziel der Veranstaltungen ist nach Angaben der Davos-Organisatoren, die Aufmerksamkeit auf Probleme wie mentale Gesundheit, Krankheiten und Stress zu lenken, unter denen die Weltbevölkerung – und auch die Davos-Teilnehmer – zunehmend leiden. „Die Menschen werden sich der enormen wirtschaftlichen Auswirkungen bewusst”, die solche Krankheiten mit sich bringen, sagt Norbert Hültenschmidt, Partner des Beratungsunternehmens Bain & Co., der an sieben Davos-Sitzungen über physische und mentale Gesundheit beteiligt ist. „Gesundes Leben steht dieses Jahr ganz oben auf der Agenda, und man sieht das überall im Programm – so ein Jahr wie dieses hat es noch nie gegeben.”

Psychische Erkrankungen könnten im Laufe der nächsten 20 Jahre 16 Billionen Dollar an verlorener Arbeitsleistung kosten, wie Daten der Harvard University und des Weltwirtschaftsforums zeigen. Die Belastung durch psychische Störungen und Substanzmissbrauch ist von 1990 bis 2010 weltweit um fast 38 Prozent gestiegen, schrieben Autoren um Harvey Whiteford von der University of Queensland letztes Jahr im dem medizinischen Fachjournal „The Lancet”.

Am Rande des Hauptforums wird erstmals ein Gesundheits-Gipfel stattfinden, der Manager, Wissenschaftler und Politiker zusammenbringt, um über die größten Herausforderungen zu sprechen. Dieser Fokus auf die Gesundheit, für den sich Geschäftsführer wie der Sanofi-Chef Chris Viehbacher einsetzen, ist aber nicht komplett uneigennützig.

Bei den Unternehmen „mehren sich die Belege, wie sich das psychologische Wohlbefinden eines Menschen auf seine Produktivität auswirkt”, erklärt Davos-Teilnehmerin Laura Tyson, die den Wirtschaftsrat der Clinton-Regierung geleitet hatte.

In den letzten zwei Jahren sind bei Lloyds Banking Group Plc und Barclays Plc Manager aufgrund von Stress und Erschöpfung zurückgetreten oder haben sich längere Auszeiten genommen. Und Goldman Sachs Group Inc., Credit Suisse Group AG sowie Bank of America Corp. gehören zu den Häusern, die die Arbeitszeiten für Nachwuchsbanker begrenzt haben, um das Stressniveau zu verringern. Der deutscher Praktikant Moritz Erhardt bei der Bank of America war im August nach einem epileptischen Anfall gestorben, nachdem er Tag und Nacht gearbeitet hatte – was die Bank zu einer Überprüfung ihrer Arbeitspraktiken veranlasste.

Meditation als Mittel zum Stressabbau stößt bei den Managern auf ein besonderes Interesse – und es gibt schon langfristige Anhänger, wie etwa Bill Gross, Co-Investmentchef von Pacific Investment Manager Co. Hawn nimmt an zwei Panels zu dem Thema teil, eines davon mit Wissenschaftlern und dem buddhistischen Mönch Matthieu Ricard, der die humanitäre Hilfsorganisation Karuna-Shechen gegründet hat.

„Die Tatsache, dass sie Menschen wie uns einladen, ist symptomatisch” für ein unbefriedigtes Bedürfnis nach Werten und Sinnhaftigkeit, sagt Ricard. „Die Menschen wissen, dass das wichtig ist, aber sie brauchen sowohl die Stimme der Vernunft als auch die Stimme der Fürsorglichkeit, oder Altruismus, um sie davon zu überzeugen, etwas zu ändern.”

Agentur
Bloomberg 
Bloomberg / Nachrichtenagentur

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