Zukunft des Kosovo
Ein Land und sein Phantomschmerz

Tito-Nostalgie und Chaos-Sehnsucht: Am Montag legt die Troika aus EU, USA und Russland dem Uno-Generalsekretär ihren Vorschlag über den künftigen Status des Kosovos vor, das bisher noch formal zu Serbien gehört. Die Angst vor einem Verlust hält die Serben in Atem – ein paar Wirtshausgespräche in Belgrad bei Cevapcici und Sliwowitz.

BELGRAD. Tito lebt? Jedenfalls noch ein bisschen, und zwar in seinem Museum in Belgrad. Aufgebockt auf vier Holzklötzen, ruht hier der schwarze, sechstürige Mercedes 600 Pullman, Baujahr 1967, mit dem der Vater des Cevapcici-Kommunismus einst sein Jugoslawien bereiste. Wenn Tito nicht gerade den Dienst-Rolls-Royce Phantom V, Baujahr 1960, nutzte, der im Foyer des Museums verstaubt.

Der Portier hat noch einen großformatigen Kalender mit Bildern des Marschalls in seinen geliebten hellen Leinenanzügen im Angebot, aber er räumt kleinlaut ein: „Hierher kommt kaum noch einer. Alle gehen nach oben zur modernen Kunst.“ Videoinstallationen, fünf weiße Menschenfiguren mit Uhren als Kopf und wandgroße Malereien mit Che Guevara, Lenin und jeder Menge Punks.

Doch Tito lebt. Er hat stahlblaue Augen, trägt eine verwaschene, kartoffelfarbene Strickjacke und raucht. Er zückt den Bleistift unter einer gewaltigen künstlichen Linde. Hier in Belgrad, wo acht Jahre nach den Bombardements der Nato „Jägermeister“ und „Jack Daniel’s“ einträchtig neben Sliwowitz steht, schreibt Joschka Josip Broz Rechnungen.

Der Enkel des Gründers des Staates Jugoslawien, der wie sein Großvater auch Josip Broz heißt, muss auch nach 44 Jahren Berufstätigkeit noch arbeiten: Und so dient der 60-Jährige nach Polizeidienst und 15 Jahren als letztlich gescheiterter Unternehmer in der Plastikbranche als Geschäftsführer in diesem nach der Linde benannten Lokal.

Rasch kommt Joschka Josip Broz auf das zu sprechen, über das ganz Belgrad in diesen Tagen spricht: die Kosovo-Krise. Nein, Kosovo gehöre zu Serbien, denn es sei „die historische Wiege der Serben“. Punkt. Unter seinem Großvater, der ihm als goldene Büste bei der Arbeit zuschaut, wäre es zu solch einer Konfrontation „nie gekommen“, sagt Josip Broz.

Am Montag legt die Troika aus EU, USA und Russland dem Uno-Generalsekretär ihren Vorschlag über den künftigen Status des Kosovos vor – das bisher noch formal zu Serbien gehört. In Belgrads Kneipen lehnen fast alle ein Loslösen des Kosovos ab. Dabei ist es eines der Armenhäuser Europas. Eine Unabhängigkeit des Kosovos könnte den Balkan erneut in Aufruhr versetzen – allen voran die Serben.

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