Zukunft Europas
Vorsprung zwischen West und Ost schrumpft

Der Aufstieg Chinas ist gleich dem Niedergang Europas? Nicht unbedingt, erklären zwei neue Bücher. Europa hat sich schließlich im Lauf der Geschichte auch erst hocharbeiten müssen.
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ZürichNiall Ferguson ist ein Geschichtenerzähler - und zwar im wortwörtlichen Sinne. Der schottische Historiker nimmt seine Leser und Zuschauer meist an die Hand und entführt sie in frühere Epochen, überrascht sie mit Anekdoten und verblüfft sie mit der Aktualität seiner historischen Einsichten. In seinem neuen, bislang nur in Englisch erschienenen Buch "Civilization. The West and the Rest" läuft Ferguson zu einer ähnlichen Hochform auf wie in seinem Wirtschafts-Bestseller von 2009 "Der Aufstieg des Geldes" (Econ-Verlag).

Wie ist es dem Westen gelungen, die Welt in den vergangenen 500 Jahren in nahezu allen Belangen zu dominieren, fragt Ferguson. Er belässt es aber nicht bei einer ausführlichen Antwort über 400 Seiten, sondern prophezeit zugleich eine Zeitenwende. Der Westen sei drauf und dran, seine Überlegenheit zu verspielen, und werde vom aufstrebenden China verdrängt.

Noch ein Buch über den angeblich unaufhaltsamen Aufstieg Chinas, könnte man meinen. Noch eines, das quasi schicksalhaft den Niedergang des Westens prophezeit. Weit gefehlt! Ferguson ist weder eine Kassandra, noch glaubt er daran, dass wir zu unserem Schicksal verdammt sind. Der Historiker, der in Harvard lehrt, erklärt vielmehr detailliert, spannend und verständlich, wie aus einem von Pest und Kriegen gezeichneten Europa in fünf Jahrhunderten eine Weltmacht wurde.

Als Ferguson sein Buch Anfang des Jahres auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos vorstellte, begann er mit der provokanten Frage: "Wo hätte im Jahre 1411 das Weltwirtschaftsforum stattgefunden?" Seine Antwort: Nanjing, China. Das Reich der Mitte war damals nämlich zugleich der Mittelpunkt der Welt. Viele der wichtigsten Erfindungen, ob Schießpulver, Papier oder der Buchdruck, wurden in China gemacht. Die Ming-Kaiser schickten ihre Handelsschiffe rund um die Welt. Doch mit dem Tod des Kaisers Yongle 1424 starb auch die Abenteuer- und Entdeckungslust. China kehrte sich nach innen und verlor seine Weltmachtstellung.

Europa startete vom anderen Ende des Glücks. Politisch zerrissen durch Kleinstaaterei und Kriege, ausgelaugt durch Pest und Hungersnöte. London kam im Jahr 1500 gerade einmal auf 50 000 Einwohner. In Peking lebten damals fast 700 000 Menschen. 400 Jahre später war die Hauptstadt des britischen Empires mit mehr als sechs Millionen Bewohnern die globale Megalopolis. Der Aufstieg Amerikas verstärkte den Abstand zwischen West und Ost weiter. 1990 war der Durchschnittsamerikaner 70-mal wohlhabender als sein chinesisches Pendant.

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