Zum Tod Jassir Arafats
Nachruf: Symbol im Kampf für ein unabhängiges Palästina

Über drei Jahrzehnte hinweg hat der am Donnerstag bei Paris verstorbene Palästinenser- Präsident Jassir Arafat - wie kein anderer - den Kampf seines Volkes für einen unabhängigen Staat verkörpert. Der 75-Jährige erreichte die Verwirklichung seines Traums am Ende jedoch weder auf diplomatischem Parkett noch mit Gewalt. Der ehemalige Untergrundkämpfer wird für viele Palästinenser dennoch eine Symbolfigur ihres Strebens nach Unabhängigkeit bleiben. Viele Israelis sahen in ihm bis zuletzt dagegen das „Gesicht des Terrors“.

HB RAMALLAH. Wer Arafat als Chef der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) und als Präsident nachfolgen soll, ist noch völlig unklar. Beobachter befürchten, dass ein erbitterter Machtkampf um die Nachfolge ausbrechen könnte.

Seine Anhänger bewunderten Arafat für seine Beharrlichkeit und den Mut, mit dem er sich für die Rechte seines Volkes einsetzte - zunächst aus dem Exil, dann in seinem Hauptquartier in Ramallah im Westjordanland. Bei seinen politischen Gegnern galt der 1929 als Sohn einer Kaufmannsfamilie Geborene hingegen als unberechenbar. Für viele Israelis steht der Name Arafat für Bombenanschläge, Flugzeugentführungen und andere Angriffe seiner PLO in den zurückliegenden Jahrzehnten. Auch haben sie ihm seine Beteuerungen nie richtig abgenommen, er habe der Gewalt abgeschworen. Arafat selbst hatte mehrere Anschlagsversuche, Verschwörungen, militärische Niederlagen sowie einen Flugzeugabsturz überlebt.

„Das, was mich antreibt, die wertvollste Sache überhaupt, die ich stets im Sinn habe, ist, die Würde des palästinensischen Volkes wiederherzustellen und den Namen Palästinas wieder auf die Landkarte des Nahen Ostens zu bringen“, hatte Arafat gesagt. Für ein 1993 in Washington unterzeichnetes Friedensabkommen mit Israel wurde er gemeinsam mit den israelischen Spitzenpolitikern Izchak Rabin und Schimon Peres mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Das Bild Arafats, der dem später ermordeten Rabin vor dem Weißen Haus in Washington versöhnlich die Hand schüttelt, hat sich im Gedächtnis der Weltöffentlichkeit eingeprägt.

Nach dem Scheitern des Friedensgipfels von Camp David im Sommer 2000 und während des seit vier Jahren andauernden Palästinenser-Aufstandes distanzierten sich die USA und Israel zunehmend von Arafat und lehnten ihn schließlich als Ansprechpartner ab. Die beiden Staaten beschuldigten ihn, die Gewalt im Nahen Osten zu schüren. Israel zerstörte sein Hauptquartier im Gaza-Streifen und stellte ihn für mehr als zweieinhalb Jahre im Westjordanland faktisch unter Hausarrest. Kritiker unter den Palästinensern warfen Arafat vor, in den Palästinenser-Gebieten ein von Vetternwirtschaft geprägtes Ein-Partei-System installiert zu haben. Arafat bestritt die gegen ihn erhobenen Vorwürfe stets und setzte seinen Kampf fort - trotz israelischer Versuche ihn seines Amtes zu entheben.

Bestimmte Facetten seiner Lebens blieben bis zu seinem Tode rätselhaft. Biografen geben Kairo als seinen Geburtsort an. Arafat selbst sagte hingegen, er sei in Jerusalem geboren. 1992 heiratete der eingefleischte Junggeselle überraschend die wesentlich jüngere palästinensische Christin Suha Tawil, mit der er eine Tochter hat.

Kränklich wirkend, von gedrungener Gestalt und stets mit dem charakteristischen Palästinenser-Kopftuch entsprach er trotz seiner olivgrünen Militäruniform und der mitgeführten Waffe kaum dem Klischee eines Revolutionsführers. Er blieb auch nach seiner Vertreibung aus Jordanien 1970 und aus dem Libanon nach der israelische Invasion im Jahr 1982 PLO-Chef. Nach seinem Wandel vom Krieger zum Friedensstifter kehrte er im Juli 1994 in den Gaza-Streifen zurück. Was blieb, war sein arabischer Kampfname „Abu Ammar“, mit dem ihn viele Palästinenser auch in Friedenszeiten weiter bedachten. Der zuletzt weitgehend isolierte Präsident schwor kampfesmutig für seine Sache zu sterben, wenn israelische Soldaten versuchen sollten ihn aus seinem Hauptquartier im Ramallah zu vertreiben: „Einen Märtyrertod sterben? Ja. Gibt es irgendwen in Palästina, der nicht vom Märtyrertum träumt?“

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