Zunehmende Entfremdung belastet die Partnerschaft
Ankaras EU-Annäherung trifft in den USA auf zwiespältige Gefühle

Als US-Präsident George W. Bush im Juni zum Nato-Gipfel in die Türkei kam, wurde er von anti-amerikanischen Protesten empfangen. Doch trotz dieser Feindseligkeiten pries Bush die Türkei als einen der „wichtigsten Verbündeten der USA“ und forderte die Europäische Union auf, die Türkei mit offenen Armen aufzunehmen.

HB NEW YORK. Grund für diese Distanz der Türken zu Amerika ist nicht nur der Irak-Krieg, der das Ansehen der USA in der Türkei massiv beschädigt hat. Die türkische Außenpolitik ist vielmehr in den vergangenen Jahren auf einen neuen Kurs eingeschwenkt. Dessen Koordinaten heißen: mehr Distanz zu Washington, mehr Nähe zu Europa. „Heute unterstützt die Türkei 95 Prozent der außenpolitischen Entscheidungen der EU“, schreibt der Direktor für Türkei-Studien am Washington Institute for Near East Policy, Soner Cagaptay. Die „special relationship“ zu Amerika habe der Türkei in der Vergangenheit zwar genutzt, sagt der Experte. „Das ist jedoch kein Vergleich zu dem, was sich die Türken von einer Mitgliedschaft in der EU erhoffen.“

Der außenpolitische Sinneswandel der Türken stößt in Washington auf eine Mischung von Verblüffung und Verbitterung. Bis zum Ende der 90er Jahre war die Türkei immer ein treuer Verbündeter der USA. Das hat sich geändert: Im vergangenen Jahr verweigerte das türkische Parlament den USA, die Türkei als Aufmarschgebiet gegen den Irak zu benutzen. „Das war ein Schock für die Amerikaner. Dadurch haben sich die traditionell engen Beziehungen zwischen den türkischen Militärs und dem Pentagon verschlechtert“, sagt der Türkei-Experte am Brookings Institut in Washington, Omer Taspinar. Die politische Unterstützung der Türkei für die amerikanische Nahost- und Iran-Politik hat zudem abgenommen – auch wegen des Aufstiegs der islamischen Regierungspartei AKP von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan. Mitte des Jahres beschuldigte er die USA und Israel des „Staatsterrors“ im Nahen Osten. „Heute ist die Türkei in der Nahost-Politik viel näher bei Europa als bei den USA“, sagt Taspinar. Zudem missfalle es den Türken, dass die USA nicht hart genug gegen die Untergrundkämpfer der Kurdenpartei PKK im Norden Iraks vorgingen. Die PKK gilt in der Türkei als eine Terrororganisation.

Trotz der jüngsten Spannungen werden die Türkei und die USA strategische Verbündete bleiben. Zwar sind die USA nicht mehr auf ihre Militärbasen am Bosporus angewiesen, die politische Funktion des Landes als Brücke des Westens in die islamische Welt ist aber geblieben. Der US-Präsident hat die Türkei als Beispiel dafür genannt, dass Demokratie und der Islam keinen Widerspruch darstellen. Ein EU-Beitritt der Türkei, so kalkuliert man im Weißen Haus, würde das Land fest im westlichen Lager verankern. Bei einem Scheitern fürchtet man jedoch einem nationalistischen Alleingang der Türkei.

Zwar missfällt es den Neokonservativen in Washington, dass die Türkei nach einem EU-Beitritt vollends auf die außenpolitische Linie Europas einschwenken könnte. „Es ist (jedoch) besser, die Türkei rückt näher an Frankreich heran als an den Iran“, warnt Experte Cagaptay. Die Türken fürchten den Rückenwind aus Washington jedoch, weil nach den transatlantischen Spannungen zu viel amerikanische Unterstützung die Chancen für einen EU-Beitritt ihres Landes mindern könnte.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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