Zurück nach Finnland?
Wirtschaftskommissar Rehn vor dem Absprung

Olli Rehn hat das wohl wichtigste Ressort in der EU-Kommission inne. Doch der Wirtschaftskommissar steht vor dem Absprung zurück in seine Heimat. Die Eurozone würden dann einen wertvollen Krisenmanager verlieren.
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BrüsselEU-Wirtschaftskommissar Olli Rehn zieht es nach Informationen des Handelsblatts in seine Heimat zurück. Der Finne denkt darüber nach, sich für das Amt des Staatspräsidenten zu bewerben. Offiziell erklärt hat Rehn seine Kandidatur zwar noch nicht. "Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass er es bald tun wird", erfuhr das Handelsblatt aus seiner Umgebung

Rehn liebäugelt mit dem hohen Amt, weil er in Finnland sehr populär ist. Laut Meinungsumfragen rangiert der liberale Politiker in der Beliebtheitskala derzeit auf Rang zwei hinter dem konservativen Sauli Niinistö. Die ebenfalls sehr populäre Präsidentin Tarja Halonen darf nach zwei Amtszeiten nicht mehr antreten

Falls Rehn tatsächlich kandidiert, müsste er schon bald aus der EU-Kommission ausscheiden. Die Präsidentschaftswahlen in Finnland finden Anfang 2012 statt und der Wahlkampf vorher dauert mindestens ein halbes Jahr. EU-Kommissionschef José Manuel Barroso müsste also spätestens Mitte dieses Jahres einen neuen Wirtschaftskommissar berufen. Das muss nicht notwendigerweise ein Finne sein. Barroso könnte die Gelegenheit auch für eine Rochade in seinem 27köpfigen Kollegium nutzen. Dann bekäme ein Kommissar anderer Nationalität das begehrte Wirtschaftsressort

Ein derartiger Aufgabentausch würde ganz neue Perspektiven eröffnen für die wohl wichtigste offene EU-Personalie dieses Jahres: den neuen Präsidenten der Europäischen Zentralbank. EZB-Chef Jean-Claude Trichet scheidet im November dieses Jahres aus. Seinen Nachfolger wollen die EU-Staats- und Regierungschefs beim ihrem Gipfeltreffen im Juni küren. Seitdem Bundesbank-Präsident Axel Weber aus dem Kandidatenrennen für die EZB ausschied, kamen eine Reihe neuer möglicher Bewerber ins Gespräch, darunter auch der finnische Notenbank-Gouverneur Erkki Liikanen. Der galt bisher als chancenlos, weil keine zwei Finnen Spitzenpositionen in der Europäischen Währungsunion einnehmen können.

Nach einem Ausscheiden Rehns aus der EU-Kommission könnten sich Liikanens Aussichten auf den EZB-Chefposten deutlich verbessern - zumal der 61-Jährige viel Erfahrung sowohl in der Geld- als auch in der Europapolitik vorweisen kann. Die finnische Notenbank leitet Liikanen seit 2004. Vorher war er neun Jahre EU-Kommissar. Eine führende Rolle spielte er auch bei den Beitrittsverhandlungen seines Landes mit der EU Anfang der 90er-Jahre.

Rehn ist seit 2004 Mitglied der Europäischen Kommission. Seit Februar 2010 ist er Kommissar für Wirtschaft und Währung in der Kommission von Barroso. Sein jetziges Amt hat er in schwierigen Zeiten übernommen. Der Finne war gerade einen Tag im neuen Amt, als die EU-Staats- und Regierungschefs den weitreichenden Beschluss fassten, Griechenland könne im Fall des drohenden Staatsbankrotts mit Hilfen der Euro-Staaten rechnen.

Ruth Berschens leitet das Korrespondenten-Büro in Brüssel.
Ruth Berschens
Handelsblatt / Büroleiterin Brüssel

Kommentare zu " Zurück nach Finnland?: Wirtschaftskommissar Rehn vor dem Absprung"

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  • Vor allem hat Liikanen schon Erfahrungen damit, wie man mit einer Krise nach dem Platzen einer Immobilienblase umgeht. Genau das hatten die Finnen nämlich vor einigen Jahren schon mal durchgemacht. Wahrscheinlich steht Finnland heute so gut da, weil sie aus dieser Erfahrung gelernt haben!

    ag.

  • Das ist nicht traurig, das ist Realität. Denn eines war schon immer so: beim Geld hört die Freundschaft auf. Wir Deutschen haben es satt, die Melkkuh der EU zu spielen. Die Einkommen unserer Bevölkerung stagnieren seit Jahren, die Abgaben und Kosten allerdings nicht!

    Wir sollten raus aus dieser antidemokratischen EU und dem Euro. Dieser Währungshut wird nie für alle Staaten passen. Der Euro dient nur zum Wohle der Banker, der Großindustrie und der Politiker (noch viel mehr Polit-Jobs) - für den deutschen Bürger kann ich keinen Vorteil erkennen. Für die Bürger der Nehmer-Länder allerdings auch nicht. Der "Wohlstand" kommt nur "oben" an. Eine zentralistische Regierung, wie es die EU nun mal sein will und faktisch ist, hat noch nie etwas Gutes gebracht.
    Wir sind die Vorschriftenwut und Bevormundung total leid. So etwas brauchen wir nicht!

    An dem Tag, an dem diese EU und der Euro zerbrechen, werde ich mit dem besten Jahrgangschampagner feiern.
    Europa hat lange vor der EU und dem Euro existiert und wird noch lange weiter existieren. Es hat sich doch deutlich gezeigt, dass die Professoren Hankel u. Co mit ihrer Voraussicht recht behalten haben.
    Aber offensichtlich will uns unsere Regierung komplett ausbeuten und unser BVerfG hat bislang noch immer nicht über die Klage zum Vertragsbruch der Verträge von Maastricht und Lissabon geurteilt. Warum wohl???

  • Ich habe den Rehn unterschätzt.Die Ratte verläßt das sinkende Schiff.Ich hab ja vermutet,er will EU-Oberhäuptling werden.Er hat begriffen,das der € am Ende ist.Jetzt versucht er es über den Weg über Finnland.Vielleicht kommt ja der "Nordeuro",da ist er wieder groß im Spiel.
    Das kann er abhaken,das wird nichts.Aber wenn er schön freundlich ist zu uns,tauschen wir vielleicht seine "Finnmark" in gute "Deutschmark".

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