Zusammenbruch der sozialen Sicherung: Der Drache wird alt, bevor er reich wird

Zusammenbruch der sozialen Sicherung
Der Drache wird alt, bevor er reich wird

80 Millionen Chinesen sind Einzelkinder, denn seit Ende der 70er-Jahre erlaubt der Staat jedem Paar nur ein Kind – China ist im Klub der schrumpfenden Gesellschaften angekommen. Das klingt den Deutschen vertraut, ist für China aber ungleich gefährlicher.

DÜSSELDORF. Die Großeltern der 24-jährigen Wang Jing erfreuen sich alle vier bester Gesundheit. Das weiß die chinesische Studentin genau, obwohl sie in Berlin studiert, 8 400 Kilometer weit weg von zuhause. „Meine Eltern und Großeltern sind schrecklich besorgt und rufen jeden Tag auf dem Handy an“, sagt sie. Die einzige Tochter soll in Deutschland einen Abschluss in Anglistik und Betriebswirtschaft machen und es später zu etwas bringen.

Wie Wang Jing sind über 80 Millionen Chinesen Einzelkinder, denn seit Ende der 70er-Jahre erlaubt der Staat jedem Paar nur ein Kind. Davor gebar eine Frau im Schnitt sechs Kinder, heute sind es nur noch 1,8 – China ist im Klub der schrumpfenden Gesellschaften angekommen. Trotzdem wachen weiterhin 526 500 Mitarbeiter der Behörden zur Familienkontrolle auch in entlegenen Winkeln des Landes über das Gebärverhalten.

Familie Wang mit zwei gesunden Omas und zwei gesunden Opas entspricht genau der Formel 4-2-1, mit der Chinas Demographen die Entwicklung ihrer Gesellschaft beschreiben: vier Großeltern, zwei Eltern, eine Berufstätige – und später noch ein eigenes Kind. Alle diese Menschen hängen statistisch gesehen von der Arbeitsleistung einer Person ab. Diese Formel führt zu Kontroversen unter Chinas Bevölkerungsplanern und sorgt zunehmend für Nervosität in der politischen Führung. Denn die umgekehrte Alterspyramide bedeutet, dass China auf den Zusammenbruch der sozialen Sicherung zurast. Das klingt den Deutschen vertraut, ist für China aber ungleich gefährlicher. Nach gegenwärtigen Zensusdaten wird es nur noch 27 Jahre dauern, bis der Anteil der Bevölkerung im Rentenalter von heute sieben auf 14 Prozent gestiegen ist. „Die Schnelligkeit der Überalterung steht in starkem Kontrast zu den Ländern Europas, wo der vergleichbare Prozess zwischen 85 und 115 Jahren dauerte“, sagt Peng Xizhe, Leiter des Instituts für Soziale Entwicklung und Öffentliche Ordnung an der Fudan-Universität Schanghai. China wird das erste Land sein, das alt wird, bevor es reich ist.

Die „eiserne Reisschüssel“, ein Versprechen der Kommunisten, ist fast leer. Ein Großteil der Staatsbetriebe, die auch für die Renten ihrer Mitarbeiter zuständig waren, sind aufgelöst. Daten des chinesischen Ministeriums für Arbeit und soziale Sicherung zufolge erhalten nur 45 Prozent der Arbeitnehmer in den Städten die großzügig bemessene Staatsrente. Nach einer Studie des Center for Strategic and International Studies in Washington und dem Versicherer Prudential gehen rund drei Viertel aller Chinesen leer aus. Das Umlageverfahren ist trotzdem schon bis zur Grenze belastet. Es wirtschaftet wie das deutsche Rentensystem von der Hand in den Mund. Die jungen Privatunternehmen drücken sich jedoch darum, ihre Beiträge zu entrichten, weil das Geld aus ihrer Sicht bloß verschwindet. Die Provinzregierungen neigen außerdem dazu, die staatlich verwalteten Rentenkassen zu plündern.

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