Zweck-Bündnis
Die USA verstehen Pakistan zu wenig

Wenn die USA könnten, wie sie wollten, dann hätten sie Pakistan schon lange sich selbst überlassen. Doch dafür ist das Land zu wichtig. Doch die USA haben bis heute nicht verstanden, wie Pakistan eigentlich tickt.
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Was wäre, wenn Pakistan keine 100 Atombomben besäße, wenn es nicht an Afghanistan grenzte und wenn es nicht immer wieder Platz für Terroristen hätte? Verstanden hat Washington nie, wie das Land, das einst zu Britisch-Indien gehörte, eigentlich funktioniert. Und das unabhängig davon, welcher Präsident gerade im Weißen Haus amtiert. Daher gleicht der amerikanische Kurs gegenüber Pakistan einer Achterbahnfahrt.

Die wechselnden Regierungen in Islamabad wurden von den USA je nach Opportunität unterstützt oder fallengelassen. Unterstützt wurde lange Zeit die Militärherrschaft von General Zia ul Haq, weil er in den 80er-Jahren den Mudschaheddin im Kampf gegen die sowjetischen Besatzer im benachbarten Afghanistan half. Nach dem Abzug der Russen wurde Pakistan von Washington bestraft und mit Sanktionen belegt, weil es sein Atomprogramm verfolgte. Bis schließlich am 11. September 2001 in New York die Zwillingstürme fielen und Pakistan ziemlich unsanft von den USA wieder zum Alliierten gemacht wurde – diesmal im Kampf gegen den Terror.

Doch mit einer freiwilligen Partnerschaft hat all das wenig zu tun. Viel aber mit kühlen geopolitischen Notwendigkeiten. Und eben das ist der Webfehler dieses Bündnisses in einer hochgradig instabilen Region, bei dem es umso mehr auf Vertrauen und Verlässlichkeit ankommen müsste. Das Verhältnis zwischen Washington und Islamabad ist bestenfalls interessengeleitet – und oft nicht einmal das.

Offensichtlich wird dieses Missverständnis in diesen Tagen nach der amerikanischen Kommandoaktion gegen Osama Bin Laden. Die Verletzung der pakistanischen Souveränität nimmt Washington billigend in Kauf. Übrigens auch für den Fall, dass die Navy Seals auf dem Gelände in Abbottabad nicht Bin Laden, sondern vielleicht nur einen reichen Pakistani angetroffen hätten. Der politische Schaden einer solcherart missglückten Operation wäre immens, vielleicht irreparabel gewesen. Doch im Falle Pakistans ließ man sich auf dieses Risiko ein.

Die Umstände der Aktion spiegeln die geringe Wertschätzung wider, die Pakistan in Washington genießt. Die USA können das Nebeneinander sich widersprechender Politiken nicht entziffern. Etwa, wie man Terroristen jagen, ihnen aber gleichzeitig freie Hand lassen kann. Oder wie man mit dem Nachbarn Indien verhandeln, aber diesen Prozess durch das Schüren von Spannungen in Kaschmir immer wieder torpedieren kann.

Rational ist an diesen Handlungen nur, dass sie dem pakistanischen Selbstwert dienen. Dass Islamabad wegen dieser Dauerkonflikte wichtig ist und umworben wird. Und dass sie dem Militär und Geheimdienst im Lande immer wieder Argumente dafür liefern, warum ihre Macht und ihr Einfluss nicht beschnitten werden dürfen. Freunde und Partner lässt eine solche Staatskonzeption indes herzlich ratlos. Die außenpolitisch so nüchterne Supermacht USA allemal.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent

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