Zwei Jahre Fukushima Keine Routine in der Ruine

Das Reaktorgelände von Fukushima ist eine Todeszone. Handelsblatt Online-Korrespondent Martin Koelling hat sich hineingewagt. Sein Fazit: Die Lage ist nur stabilisiert. Sie kann jederzeit wieder außer Kontrolle geraten.
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Luftaufnahme der Fukushima-Reaktoren. An der Oberfläche sieht alles normal aus. Ist es aber nicht. Quelle: AP/dpa

Luftaufnahme der Fukushima-Reaktoren. An der Oberfläche sieht alles normal aus. Ist es aber nicht.

(Foto: AP/dpa)

Radioaktivität ist eine Gefahr, die ich nicht sehen, schmecken oder riechen, sondern nur messen kann. Dies wurde mir erneut in Erinnerung gerufen, als ich mit einigen weiteren Journalisten in den Ruinen des Atomkraftwerks Fukushima 1 stand. Zum zweiten Jahrestag von Japans dreifacher Katastrophe aus Erdbeben, Tsunami und Atomunfall hatte uns Tokios Stromerzeuger Tepco auf das Gelände gelassen. Beim Anblick der Atomruinen verstand ich, warum den Arbeitern im Atomkraftwerk (AKW) die Angst inzwischen vergangen ist. Noch stärker als bei meinem ersten Besuch an den Meilern überkam mich ein unwirkliches Gefühl, eine Mischung aus Nervenkitzel und Routine, aus Strahlenrisiko und dem gekonnten Umgang damit.

Geradezu pitoresk muteten die Ruinen der Reaktoren 1 bis 4 an, die unter strahlend blauen Himmel und der Frühlingssonne an der Pazifikküste in der Präfektur Fukushima säumten. Nichts raucht, nichts knistert.

Und dennoch zeigt ihr Anblick und besonders der langsame Fortschritt bei den Aufräumarbeiten, dass Takeshi Takahashi, der AKW-Chef, im Interview seine Worte sehr weise wählte. Er sprach nicht davon, dass die Lage unter Kontrolle sei. Stattdessen nutzte er den Ausdruck „stabilisiert“.

Wie bei meinem Besuch vor einem Jahr liegen an den Reaktoren noch immer zerknäulte LKWs herum, die bis heute nicht geborgen wurden. Die Rolltore der Reaktorgebäude sind noch genauso verzogen, wie der Tsunami sie am Nachmittag des 11. März 2011 hinterlassen hat.

Und Meiler 3, die stärkste Strahlenschleuder, ist im Gegensatz zu Meiler 1 noch immer ohne Überdach. Wie nach der Wasserstoffexplosion vor zwei Jahren heben sich verbogene Stahlträger der Gebäudekonstruktion kontrastreich vom Himmel ab.

Die Welle hat ein Schiff in der Stadt abgestellt
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Ein Frachter als Mahnmal: Der Tsunami vom 11. März 2011 hat dieses Schiff mitten in die japanische Stadt Kesennuma getragen. Dort liegt der Kahn noch immer – inmitten einer unwirtlichen Landschaft. Nach und nach wird die Stadt wieder aufgebaut, kehren Menschen zurück, eröffnen Geschäfte. Das Schiff soll bleiben und künftige Generationen an die Opfer des Tsunami erinnern.

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Rikuzentakata liegt am Pazifischen Ozean. Eine kleine Stadt, etwa 5000 Haushalte. Doch dann rauschte am 11. März 2011 der Tsunami heran – bis auf ein paar Gebäuden aus Stahlbeton riss die Welle alle Häuser im Zentrum weg. Noch heute sind die Verwüstungen zu sehen: Der Boden ist um mehr als einen Meter abgesackt. Viele Flächen haben sich in Sümpfe verwandelt.

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Was der Tsunami in Rikuzentakata und Umgebung nicht vollständig zerstört hat, wird nun durch Menschenhand abgerissen. Hier die Überreste eines Hotels am Meeresstrand.

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Als Zeichen der Hoffnung legen einige Einwohner Rikuzentakatas Blumenbeete an, wo früher ihre Häuser standen. An selbstgebauten Altaren gedenken sie der Toten.

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Mit Steinen und Trümmern markieren die Bewohner ihre alten Grundstücksgrenzen.

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Unterstützt von Studenten einer Universität legen einige Anwohner ein großes Beet an – mit Kompost aus Tsunami-Trümmern.

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Die Bewohner Rikuzentakatas sind dankbar für die Hilfe der Studenten. Im „Gemeindezentrum“ zeigt eine Frau die Fotos der freiwilligen Helfer.

Dies ist gut für Fotografen, aber schlecht für die Arbeiter. Denn die Messergebnisse zeigen, dass die Strahlung extrem hoch ist. Auf 1700 Mikrosievert pro Stunde schlägt der Strahlenmesser in unserem Bus aus, hochgerechnet fast 15000 Millisievert pro Jahr. Diesen Wert kann man durchaus als Todeszone bezeichnen. Bis heute wissen die Retter daher nicht genau, wie es in den Reaktoren aussieht. Kontrolle sieht anders aus.

Dennoch sind auch Fortschritte auch für uns Laien nicht zu übersehen. Der erste ist, dass die Strahlung soweit gesunken ist, dass wir Besucher nicht mehr im 20 Kilometer entfernten Basislager die weißen Tyvek-Strahlenschutzanzüge und Atemmasken anlegen müssen, sondern erst im Lagezentrum auf dem AKW-Gelände.

Zweitens werden unsere Besuchergruppe auf vielleicht 40 Meter an Reaktor 4 herangelassen. Vor einem Jahr durften wir die Ruinen nur von einer 200 Meter entfernten Anhöhe überschauen.

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37 Kommentare zu "Zwei Jahre Fukushima: Keine Routine in der Ruine"

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  • Der Reaktor 4 war schon lange vor dem Unglück abgeschaltet. Hier lagern über 1500 gebrauchte Brennstäbe in einem Abklingbecken, das bisher immer genügend Wasser zur Kühlung geführt hat. Das Abklingbecken liegt in einem oberen Stockwerk und das Gebäude von Reaktor Nr. 4 ist durch die Explosion von Reaktor 3 schwer beschädigt worden - außerdem gab es in diesem Gebäude einen Brand. Nun ist die Angst groß, dass bei einem starken Erdbeben, das Kühlbecken herabstürzen könnte, mit ihm all die Brennstäbe, die dann ohne Kühlung unter freiem Himmel liegen würden - und dieses Szenario möchten wir alle nicht erleben. Deshalb konzentrieren sich die Arbeiten nun, hier das Becken von unten zu stützen und demnächst die Brennstäbe umzulagern.

  • Trotz allem schreitet die grüne Selbst- und Fremdverblödung leider fort:

    Letztes Beispiel sind die 16.000 Fukushima Atomopfer der Claudia Roth, Trittin und sogar der Tagesschau !!

    http://www.welt.de/politik/deutschland/article114366195/Claudia-Roth-im-Strudel-der-Atomopfer-von-Fukushima.html

  • Wie kann man nur soviel Bullshit zu einem Thema schreiben!
    Als notorischer Besserwisser und Liebhaber der Kernkraft würde ich an Ihrer Stelle nach Fokushima ziehen!

  • Hallo Charly, durch die Hitze sind vielleicht einige Brennstäbe in den Abklingbecken aufgeplatzt. Da der abgebrannte Kernbrennstoff bereits einige Zeit gelagert war enthielt dieser kaum mehr kurzlebige radioaktive Edelgase und Jod. Möglicherweise trat etwas radioaktives Cäsium aus. Radioaktives Cäsium 134Cs und 137Cs, grösstenteils aus den Kernschmelzen, zu einem geringen Anteil aus dem abgebrannten Kernbrennstoff ist für die radioaktive Kontamination im Umfeld der verunfallten kernkraftwerke massgeblich. Nach ein paar Tagen hatte man die Kühlung der abgebrannten Brennelemente im Abklingbecken durch Betonpumpen usw. wiederhergestellt. Es tritt schon lange nichts mehr aus. Das radioaktive Cäsium wird durch den Regen in den Boden eingetragen, oder in das Meer gespült. Die Japaner haben an einigen Stellen Boden abgetragen. Die IAEA hat diese nutzlose und teure Beschäftigung der Japaner als Geldverschwendung kritisiert weil die Kontamination zu gering ist um irgendwelche gesundheitlichen Auswirkungen zu haben.

    Ökosagas erdacht von berufsfremden Ökoatomspezialisten sollten Sie besser wie einen Perry Rhodan Roman lesen.

    Wenn Sie anstatt zu glauben lieber wissen möchten, gab es zu den Reaktorunfällen eine fortlaufende Berichterstattung auf den Seiten der GRS in Deutschland und der IAEA in Englisch.

    Vandale

  • Um zum Thema zurück zu kommen:
    Meiner Meinung nach hat Japan gute Gegebenheiten, um auf Atomkraft verzichten zu können. Daher ist es schade, dass sie wieder zu dieser zurückkehren möchten.
    Da das Risiko dieser Anlagen nicht schön geredet werden kann und die Vergangenheit gezeigt hat, was sie anrichten können,sollten wir unsere Energieträger woanders suchen.

    (@rechner
    Etwas schade ist es ja schon eine Diskussion zu einem sehr ernsten Thema auf eine persönliche Ebene zu projezieren.Daher wird es Sie überraschen aber der sog. "Grünling" mit dümmlicher Polemik trägt keine Birkenstock ;-) )

  • @rechner

    Na dann machen Sie sich mit der Entsorgung mal an die Arbeit. Sagen Sie Bescheid, wenn sie fertig sind.

  • 'Markus' sagt
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    Und falls man einen Blick auf die "Strom-Börse" wirft, wird man feststellen, dass die erneuerbaren Energien die Energiekosten tatsächlich SENKEN (besonders zu Spitzenzeiten wie die Mittagszeit).
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    Ja - toll.

    Natürlich zwingt das Überangebot an Sonnenstrom zur Mittagszeit, den kein Mensch braucht, die marginalen Strompreise die an der Strombörse gehandelt werden auf Null.

    Dadurch haben natürlich die Betreiber von Grundlastkraftwerken weniger Stunden pro Tag, an dem sie einen positiven Deckungsbeitrag erwirtschaften können.

    Der solare Sinnlosstrom treibt also die Strompreise in Zeiten, in denen nicht die Sonne scheint, in die Höhe.

    +++

    'Markus' sagt
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    Die billigste Variante ist womöglich immer noch seinen Strom selbst zu produzieren und zu nutzen.
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    Bravo - das wäre 'mal ein Wort!

    Sofort also weg mit dem Erneuerbare-Energien-Subventions-Gesetz.

    Jeder der will kann sich gerne auf eigene Kosten soviele Solarpanel aufs Dach schrauben wie er will und den Strom selbst verbrauchen.

    +++

    'Markus' sagt
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    Der billige Strom der Atomenergie ist nur billig, da Folgekosten nicht eingerechnet werden.Rechnet man die Kosten z.B. von Fukushima und Tschernobyl mit ein, ist der Billig-Strom wohl passé.
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    Wird immer wieder behauptet.

    Die Rechnung würde ich aber gerne 'mal sehen.

    +++

    'Markus' sagt
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    Allein die EndlagerSUCHE kostet uns jährlich bereits ein Vermögen.
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    Das liegt aber nur an der Ökohysterie.

    Ansonsten wäre das schon längst fertig.

    ...

    Seit Jahrzehnten liegt immer mehr Atommüll in angeblich entsetzlich unsicheren Zwischenlagern.

    Ist es da schon einmal zu nennenswerten TATSÄCHLICHEN Schäden gekommen?

    +++

    'Markus' sagt
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    Ich persönlich [...] würde mir eine Verstaatlichung des Energiesektors wünschen.
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    Natürlich.

    Vater Staat weiß am besten :)))

  • +++

    'Markus' sagt
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    Hierbei möchte ich allerdings auch darauf hinweisen, dass Uran nicht einfach so in der Natur vorkommt, sondern stets in Form von Mineralien.Uran ist das vom Menschen hergestellte Produkt.
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    Ja und?

    Die Radioaktivität ist unabhängig von der chemischen Form, in der das Uran vorkommt.

    Ein Atom U235 hat eine Halbwertzeit von 700 Millionen Jahren und gibt beim Zerfall radioaktive Strahlung ab.

    Egal ob es als Oxid oder als Metall vorliegt.

    +++

    'Markus' sagt
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    Da zur Aufspaltung der Uranerze u.a. Salpetersäure und Schwefelsäure eingesetzt werden, bezweifle ich, dass die Abfälle, die zur Verarbeitung zu Uran nötig sind, "einfach zurück" geschafft werden können.
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    Überraschung!

    Ihnen geht es gar nicht um die - gemäß grüner Mythologie - entsätzlich gefährrrrliche Radioaktivität (O-Ton: strahlt Millionen von Jahren), sondern um die Rückstände von Salpeter- und Schwefelsäure!

    Na ja - die braucht man bloß mit Wasser auf einen unbedenklichen ph-Wert verdünnen. Oder zurückgewinnen und in der Düngermittelherstellung in gebräuchlichen Verfahren einsetzen.

    +++

    'Markus' sagt
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    Übrigens versorgen wir trotz Abschaltung von AKWs und Energiewende Billig-Stromland Frankreich mit Strom.
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    Leider nur für ein paar winzige Momente.

    Ansonsten führen wir Strom aus der Tschechei und Polen ein.

  • Mit den Abfällen sind neben den besagten Abfällen der Kernkraftwerke auch jene der Kohlekraftwerke gemeint, die ebenfalls radioaktive Asche-Abfälle produzieren.Da die Erwähnung der natürlichen Uranvorkommen bemängelt wurde, sei hier erwähnt, dass auch Kohle Urananteile enthält.Hierbei möchte ich allerdings auch darauf hinweisen, dass Uran nicht einfach so in der Natur vorkommt, sondern stets in Form von Mineralien.Uran ist das vom Menschen hergestellte Produkt.Da zur Aufspaltung der Uranerze u.a. Salpetersäure und Schwefelsäure eingesetzt werden, bezweifle ich, dass die Abfälle, die zur Verarbeitung zu Uran nötig sind, "einfach zurück" geschafft werden können.Ganz zu schweigen von den angereicherten Brennstäben und Abfällen durch Nutzung des angereicherten Urans.
    Übrigens versorgen wir trotz Abschaltung von AKWs und Energiewende Billig-Stromland Frankreich mit Strom.Vor allem in dem letzten harten Winter als publiziert wurde das Netz sei durch die Abschaltung der AKWs gefährdet, haben wir große Anteile exportiert.Und falls man einen Blick auf die "Strom-Börse" wirft, wird man feststellen, dass die erneuerbaren Energien die Energiekosten tatsächlich SENKEN (besonders zu Spitzenzeiten wie die Mittagszeit).
    Leider wird diese Tatsache nur gering publik gemacht und auch nicht an die Endkunden weitergegeben.Die billigste Variante ist womöglich immer noch seinen Strom selbst zu produzieren und zu nutzen.Der billige Strom der Atomenergie ist nur billig, da Folgekosten nicht eingerechnet werden.Rechnet man die Kosten z.B. von Fukushima und Tschernobyl mit ein, ist der Billig-Strom wohl passé.Allein die EndlagerSUCHE kostet uns jährlich bereits ein Vermögen.Wird das in den Strompreis eingerechnet?
    Ich persönlich finde die Nutzung der Atomtechnologie zu riskant und würde mir eine Verstaatlichung des Energiesektors wünschen.

  • @Rechner

    ja aber dort sind die Folgen weniger dramatisch.
    und selbst "Cadmiumschrott" kann man zurückgewinnen.
    Ausserdem gibts auch Solarzellen ohne Cadmium.

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