Zwei Jahre nach Lehman: Nach der Krise ist vor der Krise

Zwei Jahre nach Lehman
Nach der Krise ist vor der Krise

Zwei Jahre nach dem Kollaps von Lehman Brothers kämpft die Welt immer noch mit den Folgen der Krise. Kosten von mehr als 20 Billionen Dollar haben sich für Staatshaushalte, Wirtschaft und Bürger angehäuft. Amerika hat es am härtesten getroffen. Dem Land droht im schlimmsten Fall sogar der Rückfall in eine Rezession.
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NEW YORK/FRANKFURT. "Ich schätze die Wahrscheinlichkeit für ein neuerliches Abrutschen der Wirtschaft auf 20 bis 30 Prozent", sagt Jan Hatzius, US-Chefvolkswirt von Goldman Sachs. Der Grund: Die Wirkung der teuren Konjunkturpakete der Regierung läuft aus. Mehr als 800 Milliarden Dollar hatte Präsident Barack Obama aus dem defizitären Haushalt lockergemacht, um die von der Finanzkrise ausgelöste Rezession zu beenden. Volkswirte wie Nobelpreisträger Paul Krugman fordern neue Hilfsprogramme in mindestens der gleichen Größe, das aber kann Obama politisch nicht durchsetzen. Zudem wäre es angesichts der Megaverschuldung der USA auch hochriskant.

Die größten Verlierer der Krise sind also die US-Bürger, deren Steuergelder in die Banken gepumpt wurden und die sich in einer schlingernden Wirtschaft zurechtfinden müssen. Schätzungsweise 30 Millionen Menschen sind in den USA derzeit auf der Suche nach einem Job. Unter den Firmen in den USA hat die Krise AIG am härtesten getroffen. Der ehemals größte Versicherungskonzern der Welt ist heute nur noch ein Schatten früherer Größe. Er ist wegen eigener, hochspekulativer Geschäfte am Kreditmarkt zwar nicht ganz unschuldig an seinen Problemen, aber der Lehman-Kollaps besiegelte sein Schicksal.

Aber nicht nur in den USA waren die Auswirkungen der Krise zu spüren. Von den unzähligen Gläubigern rund um den Globus hat bisher kaum jemand auch nur einen Cent gesehen. Nach Auskunft des Insolvenzverwalters Bryan Marsal stehen Forderungen von Gläubigern in Höhe von 700 Milliarden Dollar aus. Allein die deutsche Finanzwirtschaft hatte rund 80 Milliarden Dollar Forderungen geltend gemacht. Doch Marsal will nur 260 Milliarden Dollar der Forderungen als gerechtfertigt akzeptieren. Der endgültige Insolvenzplan soll bis Ende des Jahres vorliegen. In der ersten Hälfte 2011 sollen die Gläubiger darüber abstimmen, danach könne mit Ausschüttungen begonnen werden. Derzeit verfügt Lehman über Werte in Höhe von rund 50 Milliarden Dollar und etwa 20 Milliarden Dollar Cash.

Für die rund 50 000 deutschen Anleger, die Lehman-Zertifikate gekauft hatten, sieht es dagegen düster aus. Die meisten Papiere hatte die niederländische Lehman-Tochter LBT aufgelegt. Die Holding hatte für die Schuldverschreibungen garantiert. 34 Milliarden Euro will der niederländische Insolvenzverwalter Rutger Schimmelpenninck von den Amerikanern haben. Doch nach dem Willen von Marsal sollen die Gläubiger der LBT auf die Hälfte ihrer Forderungen verzichten.

Wie bei jeder Krise gibt es auch in diesem Jahrhundertdesaster - ein paar wenige - Gewinner. Und die verdienen richtig daran. Rechtsanwälte und Bilanzprüfer, die immer noch mit der Abwicklung der Lehman-Reste beschäftigt sind, werden nach Berechnungen der "Financial Times" bald zwei Milliarden Dollar an Gebühren erhalten haben. In den USA fiel demnach bis Ende vergangenen Monats knapp eine Milliarde Dollar an Zahlungen an. In Großbritannien, wo die europäische Zentrale von Lehman angesiedelt war, beliefen sich die Rechnungen demnach auf fast 900 Millionen Dollar.

Den Banken, die das Desaster ausgelöst haben, versuchen die Regierungen weltweit Fesseln anzulegen. Aber das wird eine neuerliche Krise nicht verhindern können. Der Finanzexperte Andrew Ross Sorkin zieht Bilanz: "Das Gedächtnis der Menschen ist kurz. Das gilt vor allem für die Banker, die wieder auf ,business as usual' machen." ben/sos

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