Zwei Jahre Volksaufstand Syrien implodiert – sehr, sehr langsam

Bashar Assad ist immer noch an der Macht, aber sein Land liegt in Trümmern. Das syrische Regime zerfällt, aber auch die Opposition ist zu schwach, um einen Sieg zu erzwingen. Damit wären die Probleme auch nicht vom Tisch
  • Martin Gehlen
13 Kommentare

EU streitet über Waffenhilfe für Syriens Rebellen

KairoZu Beginn des Arabischen Frühlings hatte sich Bashar al-Assad unerschütterlich gegeben. Syrien habe zwar größere Probleme als viele arabische Nachbarn, sei dennoch deutlich stabiler. Grund dafür sei die enge Bindung seiner Führung „an die Überzeugungen des Volkes“. Wenn es einen Riss gebe zwischen offizieller Politik und den Interessen der Bevölkerung, entstehe jenes Vakuum, das Unruhen erzeuge, belehrte Syriens Präsident wortreich seine westlichen Interviewpartner. Er jedenfalls habe, prahlte er selbstgewiss, anders als Tunesiens Ben Ali und Ägyptens Hosni Mubarak, vom ersten Tag im Amt mit Reformen begonnen.

Heute, zwei Jahre danach, liegt sein Land in Trümmern. Jahrzehnte von Aufbau, Entwicklung und Wohlstand sind zerstört. 24 Monate unsäglicher Gewalt und Leid liegen hinter der 22-Millionen-Nation. Am 15. März 2011 hatten die Bürger bei ihrer ersten landesweiten Massendemonstration noch mit heroischem Mut versucht, sich nicht provozieren zu lassen, ihre Rechte gewaltfrei einzufordern. Wochenlang trotzten sie den Schüssen der Sicherheitskräfte, den Greifkommandos des Regimes sowie den systematischen Folterkampagnen.

Dieses zivile Aufbegehren jedoch ist längst Geschichte, untergegangen in einem schier endlosen Strom von Bestialität. Hatten nach einem Jahr im März 2012 bereits 8500 Männer, Frauen und Kinder ihr Leben verloren, sind es jetzt Ende des zweiten Jahres bereits zehn Mal so viele – ohne dass irgendeine Lösung in Sicht wäre. „Wir dürfen nicht noch ein weiteres Jahr verlieren”, flehte das Uno-Kinderhilfswerk Unicef und beklagte „den Kollaps der Kindheit für Millionen Heranwachsender“.

Denn die Schlachten toben überall, auch in Damaskus. Städte wie Aleppo, Homs, Hama, Deraa und Deir Ezzor sind schwer verwüstet und müssen teilweise ganz neu aufgebaut werden. Die syrische Armee ist demoralisiert und erschöpft, Wehrpflichtige lassen sich kaum noch rekrutieren. Die meisten noch kampffähigen Eliteeinheiten sind jetzt rund um die Hauptstadt konzentriert.

Trotzdem herrscht seit Monaten ein militärisches Patt. Weder in Homs, noch in Aleppo oder Damaskus können Assads Soldaten die Rebellen aus ihren Vierteln vertreiben. Umgekehrt schaffen es die Aufständischen nicht, die drei größten Städte Syriens komplett unter ihre Kontrolle bringen.

Die Armee habe genug Soldaten und Waffen zur Verfügung, um die Bevölkerung noch auf Jahre gegen die Terroristen zu verteidigen, brüstete sich kürzlich die staatliche Zeitung Al-Watan – zumal der Nachschub aus Russland und Iran weiterhin funktioniert. Tatsächlich aber ist die syrische Armee nach Einschätzung des International Institute for Strategic Studies (IISS) um rund die Hälfte auf nur noch 110.000 Mann geschrumpft. Neben den Verlusten im Kampf gegen die Aufständischen seien viele syrische Armee-Angehörige desertiert oder zu den Rebellen übergelaufen. Im Grunde könne die Regierung in Damaskus sich nur der Loyalität von etwa 50.000 Soldaten sicher seien, bei denen es sich um Elite-Einheiten oder Alawiten handle.

Anhaltende Gefechte in der Rebellenhochburg Aleppo. Quelle: dpa

Anhaltende Gefechte in der Rebellenhochburg Aleppo.

(Foto: dpa)
Syrien war schon immer Schauplatz von Machtkämpfen
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13 Kommentare zu "Zwei Jahre Volksaufstand: Syrien implodiert – sehr, sehr langsam"

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  • Anschuldigungen, Fragen...Was uns weiter bringt, wären Vorschläge. Die Lage ist ziemlich klar, aber was könnte man konkret tun, um diesen Wahnsinn, nicht nur in Syrien zu beenden? Jeder einzelne von uns.

  • Ein interessanter Beitrag lief heute Nachmittag auf PHOENIX :


    Die Syrien Falle

    die am Mittwochabend um 21:00 wiederholt wird.

    Zeigt das Dilemma um eine der Wahrheit gerecht werdenden Berichterstattung und der vielseitigen Bemühungen wie Kofi Annan, die wiederum von USA konterkarriert wurden, aber auch die berechtigte Frage, was unsere Soldaten an der Grenze zur Türkei "verloren" haben.

  • @Rechner

    "Was tatsächlich passiert ist ein Zusammenbruch der postkolonialen Kunststaaten, die ganz verschiedene Völker zusammengezwungen haben."

    Da können Sie getrost auch Palestina mitzählen. Übrigens gibt es dort noch mehr "Flüchtlinge in der modernen Geschichte des Nahen Ostens", um den Artkel zu zitieren.

    Leute, studiert Geschichte, bevor Ihr darüber schreibt!

  • Nicht ist wie es scheint. Nichts.

  • die Kommentare sind fundiert - was ich vermisse ist der Islamische Part in der ganzen Angelegenheit. Wir haben von Pakistan bis an den Atlantik eine neue entstehende Islamische Machtbewegung, die in sich gespalten ist in die 2 großen Islamrichtungen Sunna und Schia. Beide kämpfen bis aufs Messer um ihren Einfluss zu stärken. Sie nutzen natürlich auch die Großmächte in ihrem Spiel. Ich zweifle, dass die Großmächte noch alle Trumpfkarten in der Hand haben und noch frei agieren können. Dieser Islamische Imperialismus führt zu einer Ausrottung der Minderheiten und zu einer Rückbesinnung auf den radikalen Islam. Wir müssen uns darauf vorbereiten, dass die orientalischen Christen verschwinden werden. Ich fürchte auch um die Kopten in Ägypten. Das Ende der Christen in diesen Ländern wird auch den Einfluss der westlichen Welt zusätzlich reduzieren. Der Einfluss auf unsere islamischen Minderheiten sehe ich mit Sorgen. Die Anzahl der getöteten Menschen wird noch dramatisch ansteigen. Letztendlich flieht die ausgebildete Intelligenz oder sie wird ausgerottet werden. Übrig bleiben wird die dumpfe radikale islamische Masse, die sich dann wie jeck vermehren wird. Und alle wollen dann ins gelobte Land - EU und USA

  • O-Ton Handelsblatt
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    Syrien implodiert – sehr, sehr langsam
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    Bisher stand doch ein "Schneller Zusammenbruch des Assad-Regimes" auf dem Spielplan.

    Was tatsächlich passiert ist ein Zusammenbruch der postkolonialen Kunststaaten, die ganz verschiedene Völker zusammengezwungen haben.

    Genau so wie im Irak oder im Libanon.

    Die Westmächte versuchen - wie üblich - durch wechselnde Koalitionen mit den Kombatanten aus dem von ihnen selbst geschaffenen Disaster Vorteile zu ziehen.

    Erst wurde Sadam Hussein gegen den Iran aufgerüstet.

    Dann - als er zu selbstständig wurde und anfing auf eigene Rechnung andere Länder anzugreifen und er sein Öl zu teuer verkaufte, wurden er beseitigt, was den Iran überwiegend unter shiitischen Einfluß brachte.

    Jetzt werden die sunnitischen Terroristen in Syrien unterstützt, um so indirekt den Iran zu schwächen.

    Minderheiten, wie die autochtonen Christen, gehen dabei vollständig vor die Hunde.

    [...]

    Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich.

  • #Ms.Muellerin
    danke für Ihren netten Hinweis. Ich werde es mir zu Herzen nehmen.
    Trotzdem bleibe ich bei meiner Meinung. Siehe auch
    #hansblick

  • Wut macht blind und schadet, wie schon das Märchen verrät, dem Wütenden oft am meisten:
    "Da schrie Rumpelstilzchen laut auf und stiess mit dem rechten Fuss vor Zorn so tief in die Erde, dass es bis an den Leib hineinfuhr, dann packte es in seiner Wut den linken Fuss mit beiden Händen und riss sich selbst mitten entzwei."

  • Lieber Harald. Erdöl ist zwar der bedeutendste Bodenschatz Syriens, aber so viel ist es dann doch wieder nicht. Auch wenn nach Deckung des Eigenbedarfs immer noch etwas für den Export übrig blieb, so ging man bisher doch davon aus, dass Syrien ab 2020 selbst auf eigene Importe von Erdöl angewiesen sein würde. Da kann der Westen noch so moralisch verdorben, skrupellos und gierig sein, wie sie wollen, für diese Pfütze Öl - mehr ist es nicht im Vergleich zu dem, was die großen, bekannten Erdöl- und -gasproduzenten Saudi-Arabien, Iran, Irak, Libyen, Venezuela, Russland, USA etc. fördern - würden nicht einmal sie die Mühe auf sich nehmen, unschuldige Menschen gegeneinander aufzuhetzen und Krieg, Hunger und Elend auszuliefern. Die lieben Redakteure selbst da noch der Lügenpropaganda zu bezichtigen, wo keine ist, das ist nun wirklich zu viel des Guten.

  • 'volksaufstand'?

    komisch...wesley clark sagte selber das diese krieg lang geplannt sei...und am ende diesen entwicklung ist iran an der reihe...

    google 'wesley clark 7 wars 5 years'....er sagt es alles...ganz offen....es ist gar kein geheimnis und so verstehe ich nicht diese ganzen berichte uber 'volksaufstände'..oder seit ihr bei der handelsblatt nicht so gut informiert?

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