Zweifel an Verantwortung der Eta für Anschläge
Madrid: Tonband mit Koran-Versen in verdächtigem Lieferwagen gefunden

Nach den Anschlägen in Madrid verdichten sich die Anzeichen auf islamistische Täter. Die Ermittler untersuchen einen Lieferwagen, aus dem Maskierte Rucksäcke zum Bahnhof trugen. Die Zahl der Opfer stieg auf 200. Spaniens Außenministerin soll Botschafter angewiesen haben, zu verbreiten, die Eta sei verantwortlich.

HB BERLIN. Zwei Tage nach den Terroranschlägen in Madrid mehren sich Indizien, dass radikalislamische Täter die Attentate begangen haben könnten. Laut Angaben der spanischen Polizei wird derzeit ein gestohlener Lieferwagen untersucht, in dem am Donnerstagabend ein auf Arabisch besprochenes Tonband mit Koranversen gefunden wurde.

Nach Aussage eines ranghohen Polizeibeamten am Samstag gibt es Hinweise darauf, dass die bei den Anschlägen eingesetzten Bomben in diesem Fahrzeug transportiert wurden. Ein Augenzeuge habe beobachtet, wie drei junge Männer mit Skimasken auf dem Kopf aus dem Lieferwagen ausgestiegen seien und Rucksäcke zum Bahnhof des Vororts Alcala de Henares getragen hätten.

An diesem Bahnhof fuhren drei der vier Züge ab, in denen am Donnerstag die Sprengsätze explodierten. Der vierte Zug passierte den Ort. Die Bomben waren nach Polizeiangaben in Rucksäcken versteckt.

In dem Lieferwagen sind auch Zünder sichergestellt worden. Sie sind laut Berichten spanischer Medien anders als diejenigen, die normalerweise von der Eta benutzt werden: Die baskische Separatistenorganisation verwende stets Zünder aus Aluminium, die sichergestellten Exemplare seien aber aus Kupfer gewesen.

Zudem hätten die Bomben einen Plastiksprengstoff enthalten, den die Eta seit Jahren nicht mehr benutzt habe. Dem widersprach Innenminister Angel Acebes: Er versicherte, ein vor Ort entdeckter Blindgänger sei mit in Spanien hergestelltem Dynamit gefüllt gewesen, den die Eta bereits früher benutzt habe. Ein anonymer Anruf am Freitagabend bei der baskischen Zeitung «Gara», in dem der Sprecher jede Verantwortung der Eta abstritt, sei wertlos, beteuerte Acebes: «Wir glauben das nicht.»

Unterdessen ist die Zahl der Todesopfer der Anschläge auf 200 gestiegen. Ein Mann erlag nach Auskunft der Behörden am späten Freitagabend seinen schweren Verletzungen. Noch immer würden 288 Verwundete in Krankenhäusern versorgt. 17 von ihnen schwebten in Lebensgefahr. Unter den Toten waren 33 Ausländer, darunter mehrere Polen.

Die spanische Regierung macht weiterhin die Eta für die Anschlagsserie verantwortlich. «Ich verfüge über Fakten, die mich glauben machen, dass es Eta war», sagte Mariano Rajoy, Spitzenkandidat der konservativen Regierungspartei Partido Popular (PP) in einem am Samstag veröffentlichten Interview.

Aus wahltaktischen Gründen versuche die Regierung aber, die Verbreitung anderslautender Thesen zu unterdrücken, berichtet die spanische Zeitung «El Pais». Das den oppositionellen Sozialisten nahe stehende Blatt zitiert aus einem Vermerk der Außenministerin Ana Palacio an die Adresse der spanischen Botschafter im Ausland: «Sie sollten jede Möglichkeit nutzen, um die Verantwortung der Eta für diese brutalen Anschläge zu bestätigen, um dabei zu helfen, jede Art von Zweifel zu zerstreuen, die interessierte Parteien möglicherweise verbreiten wollen.»

Diese Anweisung sei am Donnerstagnachmittag verschickt worden, meldet «El Pais». Palacio berufe sich dabei auf Informationen ihres Kabinettskollegen: «Der Innenminister hat die Verantwortung der Eta bestätigt. Dies ist durch die Art des Vorgehens ebenso bestätigt worden wie durch andere Informationen, die aus verständlichen Gründen bislang nicht veröffentlicht worden sind.»

Die Diskussion über die Hintergründe kann nach Auffassung von Beobachtern Ausschlag gebend für die Parlamentswahl am Sonntag sein. Wenn die Wähler der Regierungsthese folgen, die Eta sei der Urheber des Attentats, dürfte das dem PP zugute kommen, der für die rücksichtlose Bekämpfung der baskischen Separatistenorganisation steht. Sollte die Bevölkerung dagegen eher islamistische Terroristen verantwortlich machen, so könnte dies den Unmut über die Irak-Politik von Regierungschef José Maria Aznar neu anstacheln und den PP Stimmen kosten.

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