Zweite Krisenwelle
Russlands Banken in Gefahr

Mit umfangreichen Staatshilfen konnte die russische Regierung einen Zusammenbruch des heimischen Bankensektors erfolgreich abwenden. Doch die Zahl der faulen Kredite in den Bilanzen steigt derzeit rasch an - und die Reserven der Regierung werden knapper.

MOSKAU. German Gref, Ex-Wirtschaftsminister und jetzt Chef von Russlands größtem Finanzinstitut, der staatlich kontrollierten Sberbank, nimmt kein Blatt mehr vor den Mund: „Die Bankenkrise beginnt gerade erst“, erklärt er – und setzte sich damit in glatten Widerspruch zu seinem einstigen Chef Wladimir Putin. Denn Russlands Premier versucht derzeit wieder Zuversicht zu verbreiten: „Dank der Maßnahmen des Staates konnte die Gefahr eines Zusammenbruchs des Bankensektors gebannt werden“, erklärte er kürzlich in einer Rede vor der Duma.

Nachdem die Regierung tatsächlich im vergangenen Jahr beherzt dem Sektor unter die Arme gegriffen und so vor allem eine allgemeine Panik verhindert hatte, steigt die Nervosität unter den Finanzmanagern aber wieder. Sorgen bereitet vor allem die rasant steigende Zahl fauler Kredite in den Portfolios der Banken. Nach Schätzung von Natalja Orlowa, Bankanalystin bei der Alfa Bank, dürfte deren Anteil inzwischen bei zehn Prozent liegen. Zum Vergleich: Bei der Deutschen Bank liegt sie global bei 1,3 Prozent. Bei der Zehn-Prozent-Marke dürfte es nicht bleiben. Die Deutsche Bank rechnet damit, dass bis zu einem Drittel der Kredite betroffen sein könnten, denn die russische Art der Berechnung weicht vom internationalen Standart ab – die Zahl nicht bedienten Verbindlichkeiten dürfte demnach viel höher liegen als die offiziellen Angaben ausweisen.

Für den russischen Staat wird das teuer: Die Sberbank hat berechnet, dass bei einer Ratio von 30 Prozent der Sektor eine Finanzspritze von 80 Mrd. Dollar benötigte, um stabil zu bleiben. Dabei ist den Verantwortlichen im Finanzministerium schon heute bange, ob die Reserven ausreichen, die sich abzeichnenden Haushaltsdefizite zu decken.

„Es besteht die Gefahr, dass auch die großen Privatbanken wegen der zunehmenden Zahl notleidender Kredite in der zweiten Jahreshälfte unter Druck kommen könnten“, befürchtet Jörg Bongartz, Chef der Deutschen Bank in Russland. Die Auswirkungen auf die bereits heute schwer gebeutelte Realwirtschaft wären erheblich. In Regierungskreisen herrscht Sorge über eine „zweite Welle“ der Krise, die nach einer aktuellen Phase relativer Stabilität über die russische Wirtschaft herein brechen könnte.

Das Risiko der schlechten Kredite sei hoch, heißt es auch bei der Rating Agentur Standard & Poor’s. Es sei aber nach wie vor schwer abzuschätzen, wie sich die Situation entwickeln werde, da es in Russland bisher keinerlei Erfahrung mit Schwierigkeiten dieser Größenordung gebe.

Zwar kritisiert Sberbankchef Gref die Regierung, Entscheidungen würden „zu langsam“ getroffen, doch die Verantwortlichen versuchen die Palette der Instrumente zu erweitern, die den Finanzinstituten in der Not helfen könnte, wie zum Beispiel mit „Hybridkapital“: Banken können so einen Teil einer Anleihe auf ihr Kernkapital anrechnen lassen. Problem dabei nur: Nach wie vor lassen sich Anleihen schlecht auf dem Markt platzieren.

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