Zweites Fernsehduell
US-Finanzkrise erhöht Obamas Wahlchancen

Fünf Wochen vor der Wahl eines neuen US-Präsidenten geraten die Mehrheiten in den einzelnen Bundesstaaten kräftig ins Rutschen. Denn vor dem Hintergrund der Finanzkrise werden die Kandidaten zunehmend danach beurteilt, wie sie sich in der aktuellen Situation verhalten und was von ihnen zu erwarten ist. Im Moment profitiert davon vor allem der Demokrat Barack Obama.

WASHINGTON. Der nächste Test für die beiden Bewerber ums Weiße Haus findet am Dienstagabend in Nashville, Tennessee, statt. Dort treffen Barack Obama und sein republikanischer Rivale John McCain bei der zweiten Fernsehdebatte aufeinander.

Das bislang prominenteste Opfer der Finanzkrise beklagt McCain. In der vergangenen Woche gab er den Staat Michigan verloren, zog seine Wahlkämpfer dort ab und verteilte die Ressourcen auf andere Bundesstaaten. Michigan, Standort der amerikanischen Autoindustrie, ist von der Immobilien- und Finanzkrise besonders stark betroffen. Der Senator aus Arizona hatte sich einst Hoffnungen auf einen Sieg in Michigan gemacht und die Bevölkerung heftig umworben. Doch zu deutlich verschoben die ökonomischen Turbulenzen die Sympathien zuletzt zu Gunsten von Barack Obama. Der Demokrat hatte ähnliche Entscheidungen bereits zuvor getroffen. Obama glaubt nicht mehr an Siege in Georgia, Alaska und North Dakota - und hat sich ebenfalls aus diesen Staaten zurückgezogen.

Allerdings hatte Obama dort auch nie so viel an Energie und Geld investiert wie McCain in Michigan. Die Kampagne des Republikaners sah jedoch zentrale "Verkaufsargumente" verschwinden, nachdem das Image des 72-Jährigen in der Diskussion über das 700 Mrd. Dollar schwere Rettungspaket einige Schrammen abbekommen hatte. Denn immerhin stimmte McCain im Senat einem Hilfspaket zu, das am Ende mit Zusatzvergünstigungen von 150 Mrd. Dollar bestückt war, um es mehrheitsfähig zu machen. Doch eigentlich hatte McCain versprochen, gegen genau dieses Vorgehen zu Felde zu ziehen.

So konzentriert sich nun der Wahlkampf auf andere sogenannte "Battleground"-Staaten, die am Ende die Entscheidung bringen könnten. Im Visier haben die politischen Lager dabei die Wackelkandidaten aus dem jeweils anderen Camp: So will McCain in Minnesota, New Hampshire, Pennsylvania und Wisconsin punkten - allesamt Staaten, die 2004 vom Demokraten John Kerry gewonnen wurden. Umgekehrt hat Obama neun Bundesstaaten im Blick, die bei der Wahl vor vier Jahren George W. Bush zufielen: Colorado, Florida, Indiana, Montana, Nevada, New Mexico, North Carolina, Ohio und Virginia.

Zum Ende des Rennens macht sich auch die stärkere Finanzkraft von Obama bemerkbar. Das hohe Niveau seiner Werbeausgaben zwingt den Rivalen McCain ebenfalls, mehr auszugeben - und dies auch in Staaten, die bislang eigentlich relativ sicher in der Hand der Republikaner waren. Beispiel Indiana: Obama hat in dem Nachbarstaat zu Illinois eine große Basisorganisation aufgebaut, die den Staat "umdrehen" und ins demokratische Lager holen will.

McCain, der über weit weniger Finanzkraft als Obama verfügt, ist gezwungen, verstärkt auf Risiko zu spielen. In strukturell republikanischen Staaten wie Virginia oder Florida muss er - ohne größeren Einsatz leisten zu können - auf Sieg spekulieren, um noch größere Wackelkandidaten wie etwa Ohio halten zu können. Manche republikanischen Parteifreunde sehen das indes mit Sorge: "Ich denke, McCain sollte hier sein", zitiert die Zeitung "Politico" den Abgeordneten Tom Davis, der im Repräsentantenhaus Nord-Virginia vertritt. "Ich glaube, er sollte uns hier mehr Aufmerksamkeit schenken."

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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