Zwischen Istanbul und Anatolien: Die Türkei rackert für Europa
Grenz-Erfahrungen der Türkei

In der Türkei hat sich nach der verheerenden Wirtschafts- und Finanzkrise Anfang des neuen Jahrhunderts gerade ökonomisch ein neues Selbstbewusstsein entfaltet – und das in einer unerhörten Geschwindigkeit. Eine Reportage.

ISTANBUL/KARS. Wenn Eren Kiliclioglu im Marmorpalast der Börse Istanbul seine Gäste empfängt, dann zeigt er ihnen in einem der vielen Konferenzsäle des modernen Prachtbaus hoch über dem Bosporus am liebsten eine Computeranimation: Ein paar Tropfen Wasser fallen auf einen Acker, daraus wird ein Bächlein, ein Fluss und ein Strom, dann ein Staudamm, ein gewaltiger Wasserfall, der in einen Funken mündet. Der pflanzt sich als elektrischer Strom fort, Überlandleitungen, Kraftwerke, immer schneller, immer größer, bis das Auge gar nicht mehr mitkommt vor lauter industrieller Energie. Dann explodiert alles, und aus dem Ganzen entsteigt wie in Goldstaub getränkt und einer antiken Apotheose gleich das Logo seines Arbeitgebers.

Erin Kiliclioglu kann den Film gar nicht oft genug sehen, er schwärmt immerfort vom Werk eines Istanbuler Kunststudenten. Mag die halbstarke Anmutung des Streifens abgebrühten amerikanischen Investoren auch ein wenig lustig erscheinen, eines bringt diese Selbstdarstellung sicher auf den Punkt: In der Türkei hat sich nach der verheerenden Wirtschafts- und Finanzkrise Anfang des neuen Jahrhunderts gerade ökonomisch ein neues Selbstbewusstsein entfaltet – und das in einer unerhörten Geschwindigkeit.

„Wir leben heute in einer anderen Türkei“, sagt der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk, neuer Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels. In Istanbul lässt sich das wie wohl nirgends sonst beobachten. Eine Stadt, aufgepumpt mit Energie, rasend schnell und voll mit jungen Menschen, eine Stadt, deren Gegensätze sozialstaatserfahrene Besucher zunächst erschrecken, deren Faszination sie aber oft auch ganz schnell erliegen.

Oben auf den Hügeln von Gayreteppe ziehen Finanzkonglomerate einen Büroturm, eine Shopping-Mall nach der anderen hoch, unten im Tal bauen die Zuwanderer aus Anatolien ihre ärmlichen Hütten. Offiziell leben gut zwölf Millionen Menschen hier, alteingesessene Istanbuler reden von 15 Millionen, bei den Taxifahrern sind es schon 20. Niemand weiß es so genau, vielleicht, weil es lieber niemand wissen möchte. Nur eines wissen hier fast alle: die Perspektive, irgendwann zu Europa und zur EU zu gehören, hat ihnen in den vergangenen Jahren neue Chancen eröffnet. Istanbul, das ist ein Versprechen. Und dafür rackern sie alle, vom frühen Morgen bis in den späten Abend.

Grund genug für das Handelsblatt, in den kommenden Wochen eine kleine Serie von Porträts zu veröffentlichen, von türkischen Managern, Bankern, Advokaten. Zumeist sind es Vertreter der Oberschicht, die, stets demonstrativ säkular orientiert und oft im Westen ausgebildet, das Land dominierten. Jetzt müssen diese Leute mitansehen, wie Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan, ein anatolischer Emporkömmling und bekennender Islamist, beweist, dass man in der Türkei auch mit demokratischer Mehrheit regieren kann. „Wir hatten erst kein Vertrauen in ihn, aber jetzt haben wir uns arrangiert“, sagt der Banker Yavus Canevi, ein freundlicher älterer Herr, Chef der Investmentbank TKP, ehemals hochrangiger Ministerialbürokrat, eine Macht nicht nur in Istanbul.

Seite 1:

Grenz-Erfahrungen der Türkei

Seite 2:

Seite 3:

Seite 4:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%