Zwischenfall von Cambridge
Chinas Premier bittet um Gnade für Schuh-Werfer

China zeigt Gnade: Regierungschef Wen Jiabao hat für den deutschen Schuhwerfer von Cambridge eine milde Strafe gefordert. Die britische Top-Universität, wo der Student den chinesischen Premier vor einer Woche bei einer Rede lautstark unterbrochen und mit einem Schuh beworfen hatte, solle den 27jährigen möglichst nicht entlassen. "Ausbildung ist die beste Hilfe für einen jungen Studenten", ließ Wen Jiabao über das Internet verbreiten.

PEKING. Die deutsche Gemeinde zeigte sich in Peking sichtlich erleichtert. Denn schon kurz nach der Schuhattacke war durchgesickert, dass es sich um einen "Angreifer" aus Deutschland handelt. Das hatte deutsche Manager und Diplomaten in China nervös gemacht. Der Zwischenfall beim Fackellauf in Paris, als eine chinesische Fackelträgerin im Rollstuhl von einem Demonstranten attackiert worden war, hatte zu massiven diplomatischen Verstimmungen und Boykottaufrufen gegen französischer Firmen in China geführt.

Doch die Schuhattacke, die den chinesischen Premieminister weit verfehlte, sorgt diesmal mehr für Kopfschütteln denn für Wutgeschrei in China. Zwar sind viele Kommentare im Internet wenig freundlich, doch viele Chinesen lobten vor allem die ruhige und gelassene Reaktion von Wen Jiabao, der seine Rede nach einer kurzen Pause fortgesetzt hatte.

Zudem hat der deutsche Schuhwerfer den Chinesen zu höheren Weihen verholfen, da Wen Jiabao nun auf einer Stufe mit dem früheren US-Präsidenten George W. Bush steht. Bush war im Dezember in Bagdad während einer Pressekonferenz von einem irakischen Schuhwerfer attackiert worden und konnte sich - anders als Wen Jiabao - nur durch schnelles Abducken vor dem Geschoss retten.

In den chinesischen Medien wurde der deutsche Pathologiestudent jetzt mit vollen Namen genannt, nachdem die britischen Behörden die Details veröffentlich hatten. Der Deutsche muss morgen zu einer Anhörung vor einem lokalen Gericht in Cambridge erscheinen. Vorgeworfen ihm wird Störung der öffentlichen Ordnung. Ihm drohen bis zu sechs Monaten Haft ode eine Geldstrafe.

Der Mann hatte die Rede aus Protest wegen der chinesischen Menschenrechtspolitik gestört. "Wie kann sich die Universität für diesen Diktator prostituieren. Wie könnt Ihr den Lügen zuhören, die er erzählt. Steht auf und protestiert", hatte er gerufen.

Wen Jiabao erklärte nun, er hoffe, dass der 27-jährige Deutsche "seinen Fehler einsieht und versucht, das wirkliche und sich entwickelnde China zu erkennen." Der Premier zitierte ein chinesisches Sprichwort, wonach es wertvoller als Gold sei, wenn ein junger Mensch sich wandele, um einen Fehler wiedergutzumachen.

Was der Premier unerwähnt ließ: Im chinesischen Rechtssystem wird Demonstranten und Unruhestiftern in der Regel weder viel Einsicht noch Gnade gewährt.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%