Joachim Gauck
Der bessere Präsident

Für viele Deutsche wäre Joachim Gauck der bessere Bundespräsident gewesen. Jetzt werden Rufe laut, Gauck solle übernehmen. Doch der ehemalige Ministerpräsident Wolfgang Böhmer warnt vor einer Nachfolgedebatte.
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Egal was Christian Wulff heute Abend auch sagen wird, wenn er seine überfällige Erklärung abgibt, der ideale Bundespräsident ist er seit seiner Kreditaffäre und den Anrufen beim Springer-Verlag nicht mehr. Der bessere, der Präsident der Herzen, wie “Spiegel” und “Welt am Sonntag” titelten, war er von Anfang an nicht. Diese Titel trug ein anderer, nämlich Joachim Gauck.

SPD und Grüne hatten den ehemaligen DDR- Bürgerrechtler und Pastor Gauck 2010 gegen Wulff als Kandidaten für das Präsidentenamt ins Rennen geschickt. Er verlor den Wettstreit ums höchste Staatsamt, aber seine Niederlage fiel glorreich aus. Im ersten Wahlgang errang er mehr Stimmen als Rot-Grün in der Bundesversammlung hatte, und er schlug sich wacker bis in die dritte und letzte Runde. Erst im Endspurt unterlag der Kandidat von SPD und Grünen dem Kandidaten von Schwarz-Gelb, Christian Wulff.

Gaucks Verpflichtung für die Freiheit, sein Nein zum staatlichen Dirigismus begeisterte auch viele Liberale und Unionspolitiker - von weiten Teilen der Öffentlichkeit ganz abgesehen. Seine Beliebtheit hatte auch mit seinem Werdegang zu tun, der so anders ist als der von Christian Wulff.

Der in Rostock geborene Pfarrer Gauck war nach der Wende Mitbegründer des Neuen Forums, gehörte als Parteiloser 1990 der ersten freigewählten Volkskammer an und organisierte nach der Wiedervereinigung als erster Leiter der Stasi-Unterlagen-Behörde  die Aufarbeitung der Ost-Verbrechen. So gesehen personifiziert er auch den demokratischen Neuanfang im Osten Deutschlands.

Vor allem im Internet sorgte Gauck für Furore. Dort unterstützten ihn Zehntausende. "Ich bin doch kein Popstar", hatte Gauck damals verblüfft erklärt - zumal er Internetnetzwerke wie Facebook selbst gar nicht nutzte. Gauck surfte auf einer gewaltigen Popularitätswelle. Die ging so weit, dass wenige Tage vor der Bundespräsidentenwahl neben ehemaligen CDU-Spitzenpolitikern wie Kurt Biedenkopf sogar die Alt-Bundespräsidenten Roman Herzog und Richard von Weizsäcker eine freie Wahl für die Mitglieder der Bundesversammlung forderten.

Beliebt und gefragt ist er heute noch, nicht nur als möglicher Schlichter beim Bahnhofsdrama Stuttgart 21, sondern auch jetzt in der Causa Wulff.


Die frühere DDR-Bürgerrechtlerin  und CDU-Politikerin Vera Lengsfeld forderte Wulff offen zum Rücktritt auf und bringt Gauck als möglichen Nachfolger ins Spiel.  „Es braucht keine neue Enthüllung, um sicher zu sein, dass Wulff gehen muss“, sagte die CDU-Politikerin Handelsblatts Online. „Unser Bundespräsident ist endgültig zur Witzfigur geworden.“  SPD und Grüne sollten sich aktiv für Wulffs Ablösung einsetzen. „Joachim Gauck kann dem Amt seine Würde zurückgeben“, sagte sie.

Und der stellvertretende FDP-Vorsitzende Holger Zastrow fügte in seiner Kritik an Wulff süffisant hinzu, dass er bei der Wahl zum  Bundespräsidenten im Juni 2010 den ehemaligen DDR-Bürgerrechtler Joachim Gauck gewählt habe, „und das hatte schon seinen Grund.“

Aber stünde Joachim Gauck überhaupt bereit? Beim Verein “Gegen Vergessen – Für Demokratie”, dessen Vorsitzender er ist, heißt es nur, dass er nicht zu sprechen sei. Gauck sei auf Reisen - und habe alle Termine abgesagt. Gut vorstellbar, warum: Herr Gauck, wollen sie Nachfolger von Christian Wulff werden? Stünden sie zur Verfügung? Darauf würde man ihn heute ansprechen.

Fragen wie diese sind für Wolfgang Böhmer unerhört. Der ehemalige Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt hält zwar viel von Joachim Gauck, aber nichts von einer Nachfolgedebatte. “Einen Bundespräsidenten kann man nicht einfach austauschen wie eine Schachfigur, weil die Wahl eines Bundespräsidentan an ein festes Verfahren gebunden ist”, sagt Böhmer im Gespräch mit Handelsblatt Online. Die Wahl eines Bundespräsidenten lasse sich auch nicht über Rundfunkinterviews herbeireden, dies sei weder rechtlich noch politisch möglich.

Mit Blick auf die heftige Kritik an Wulff fordert Böhmer Mäßigung. “So kann man nicht mit dem höchsten Amt des Staates umgehen - und auch nicht mit den handelnden Personen.” Und damit meint Böhmer nicht nur Wulff, sondern auch Gauck. “Ich habe damals gesagt, dass Gauck ein sehr guter Kandidat ist”, sagt Böhmer, “aber heute stellt sich diese Frage nicht mehr, denn diese Wahl ist entschieden worden. Joachim Gauck lässt sich nicht einfach so ins Amt einsetzen.”

Das würde Joachim Gauck wohl auch gar nicht wollen. Um Ämter hat er sich nie gerissen. Bei der Bundespräsidentenwahl war er nach eigenen Worten als Kandidat angetreten, dem es darum gegangen sei, die politische Kultur in Deutschland zu verändern.

Kurz nach seiner Nominierung im Juni 2010 hatte er mit Blick auf die Bundesrepublik gesagt: „Eine solche Gesellschaft mit Bürgerrechten und Pressefreiheit werde ich immer mit Dankbarkeit und Glück anschauen.“ Er habe in den ersten 50 Jahren seines Lebens auf demokratische Errungenschaften verzichten müssen. Um Bürgerrechte und Pressefreiheit geht es jetzt auch wieder in der Affäre Wulff.

Kommentare zu " Joachim Gauck: Der bessere Präsident"

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  • Als Herr Jahn, Bundesbeauftragter der Stasi-Behörde, die Stasileute, die immer noch auf verantwortlichen Posten saßen, nun endlich aus ihren Ämtern nahm, hat Herr Gauck sich gestern geäußert: Es mache ihm "Stirnrunzeln", dass man "bewährte" Leute nun entsorge. Das allein sagt alles.

  • Das Gute an der Wahl von Wulff war, dass es Gauck nicht geworden ist. Der Kerl ist ein Albtraum: ein selbsternannter Demokratielehrer (O-Ton Gauck) , der 50 Jahre lang demokratische Praxis nur als Vorstellung aber nicht als Erfahrung kannte und der uns nun erklären will, wie das geht mit der Demokratie. Toll – auf so einen haben wir lange gewartet. Gewiss sind 50 Jahre Unbeflecktheit in der unverschuldeten Isolation eine Versuchung wert: eine ideale Projektionsfläche für die Figur einer sauberen Obersau inmitten des schmuddeligen Schweinestalls. Aber das wäre eben nicht mehr repräsentativ. Es bleibt dabei, das s die personelle Ausstattung der Politik keine Heiligenfiguren für diesbezügliche Bedürfnisse liefern kann.
    Außerdem brauchen wir den doch gar nicht dafür, um uns zu erklären, dass es in Stuttgart nur um einen Bahnhof geht, wie gut es bei uns sei oder dass beim Atomausstieg nicht richtig nachgedacht und dabei noch versäumt wurde die Japaner zu bedauern. Das macht bei uns alles der Dieter Nuhr, der Mittelstandsbeauftragte des deutschen Kabaretts. Nur wenn der jetzt auch noch Präsident werden wollte – das fände ich dann doch irgendwie Scheiße. Moralische Anmaßung a la Gauck lässt sich nicht mit verfehlten Pointen kontern.

  • Wo ist eigentlich Gesine Schwan, wenn man sie braucht?

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