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02.05.2008 
US-Wirtschaft

Bernankes riskante Wette

von Torsten Riecke

Die amerikanische Notenbank schwankt zwischen Rezessionsängsten, Inflationsgefahren und Markterwartungen. Einige Konjunkturdaten deuten auf eine Entspannung der Lage hin. Doch die große Unbekannte bleibt die Kreditkrise.

Nach Meinung der Kritiker hat sich Fed-Chef Ben Bernanke bereits viel zu weit vorgewagt und mit massiven Geldspritzen die nächste Spekulationsblase erzeugt. Foto: apLupe

Nach Meinung der Kritiker hat sich Fed-Chef Ben Bernanke bereits viel zu weit vorgewagt und mit massiven Geldspritzen die nächste Spekulationsblase erzeugt. Foto: ap

NEW YORK. Auf den ersten Blick hat Ben Bernanke alles richtig gemacht. Der Chef der US-Notenbank signalisiert eine Zinspause just an dem Tag, an dem die US-Wirtschaft trotz aller Kassandrarufe ein annualisiertes Wachstum von immerhin 0,6 Prozent für das erste Quartal 2008 meldet. Mit anderen Worten: Die Rezession könnte milder ausfallen als befürchtet, und die Wirtschaft braucht deshalb keine Anschubhilfe mehr von der Notenbank (Fed). "Mission accomplished" könnte Bernanke sagen. Die Mehrheit der Investoren sieht das ähnlich und wettet auf eine Zinspause bis zum Ende des Jahres.

Auf den zweiten Blick sieht die Lage jedoch viel komplizierter aus. "Die Wachstumszahlen sind irreführend", warnt Harvard-Professor Martin Feldstein. Die Konjunktur sei viel schwächer, als es den Anschein habe. Tatsächlich sind die USA im ersten Quartal nur deshalb knapp an einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) vorbeigeschrammt, weil die Unternehmen ihre Läger aufgefüllt haben.

Bereits jetzt ist erkennbar, dass sich das im laufenden Quartal nicht wiederholen wird. Autohersteller wie General Motors sind bereits dabei, ihre Produktion für Geländewagen und Trucks weiter einzuschränken. Selbst der schwache Dollar und das starke Exportwachstum von 5,5 Prozent können die wirtschaftliche Talfahrt nicht bremsen.

Feldstein und andere Ökonomen sagen deshalb für die US-Wirtschaft schwere Zeiten voraus und rechnen mit einer langen, tiefen Rezession. Sie verweisen dabei auf den Einbruch im Konsum, der nur noch mit einer Jahresrate von einem Prozent wächst. Auch die Investitionstätigkeit der Firmen hat spürbar nachgelassen. "Das größte Risiko sind jedoch die rapide fallenden Hauspreise", sagt Feldstein.

Behalten die Pessimisten recht, sitzen Bernanke & Co. in der Zwickmühle. Sie rufen ausgerechnet zu jenem Zeitpunkt die Zinswende aus, da viele Amerikaner um ihre Einkommen und Arbeitsplätze bangen. Heute wird das Arbeitsministerium vermutlich den vierten Beschäftigungsrückgang in Folge vermelden. Da lässt sich eine Zinswende im Wahljahr schwer vermitteln.

Aber auch ökonomisch sitzt die Fed zwischen allen Stühlen. In sieben zum Teil recht großen Schritten hat die Notenbank die Leitzinsen in Amerika um 3,25 Prozentpunkte auf zwei Prozent gedrückt. Ein Großteil dieser Anschubhilfe ist in der Wirtschaft noch gar nicht angekommen. Brauchen Zinssenkungen doch mindestens sechs Monate, bevor sie ihre volle Wirkung entfalten. Bernanke muss deshalb auf die Bremse treten, obwohl sich der Konjunkturhimmel in den kommenden Monaten weiter eintrüben dürfte.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: "Die Krise ist noch lange nicht ausgestanden"

Nach Meinung der Kritiker hat sich die Fed bereits jetzt viel zu weit vorgewagt und mit den massiven Geldspritzen die nächste Spekulationsblase auf den Rohstoffmärkten erzeugt. Die Preise für viele Grundnahrungsmittel und Rohöl sind geradezu explodiert. Will Bernanke seinen Ruf als Hüter der Währung retten, darf er die Inflationsgefahren nicht aus den Augen verlieren. "Angesichts der Preissteigerung sollte die Fed ihre Zinssenkungen nicht fortsetzen", sagt die ehemalige Notenbankerin Susan Bies. Auch innerhalb der Zentralbank wächst der Unmut. Die beiden Fed-Präsidenten Richard Fisher und Charles Plosser stimmten jetzt zum zweiten Mal hintereinander gegen den Kurs ihres Chairmans Bernanke.

Die widersprüchliche Konjunkturlage spiegelt sich auch in der offiziellen Erklärung der Notenbanker wider. Sie sprechen zwar nicht mehr ausdrücklich von einem Wachstumsrisiko, beschreiben jedoch die wirtschaftliche Situation in düsteren Farben. Sie warnen vor steigenden Rohstoffpreisen und räumen ein, dass sich die Inflationserwartungen erhöht haben. Doch bleiben sie bei ihrer Prognose, dass sich der Preisauftrieb abschwächen wird. Die Finanzmärkte stehen nach Meinung der Fed immer noch unter erheblichem Stress, andererseits hätten die Liquiditätshilfen die Risiken entschärft.

Was sich wie ein quälendes Sowohl-als-auch liest, ist in Wahrheit der Versuch, sich alle Türen offen zu halten. Bernanke möchte nicht noch einmal den Fehler des letzten Oktobers machen, als er die Finanzkrise frühzeitig für beendet erklärte, wenige Wochen später jedoch erneut die Geldschleusen öffnen musste.


Tabelle  Infografik: US-Konjunkturdaten – ein schwieriges Puzzle


Die Finanzkrise bleibt die große Unbekannte für die US-Wirtschaft. Zwar hat sich die Kreditklemme auf einzelnen Märkten spürbar gelockert. "Es gibt klare Anzeichen dafür, dass sich die Kreditbedingungen verbessern", sagte Adam Posen, stellvertretender Chef des Peterson Institute for International Economics in Washington. Auch hätten die großen Banken inzwischen Wege gefunden, ihre Kapitalbasis nach den schmerzlichen Verlusten wieder zu stärken. Posen sieht deshalb keinen Grund für eine weitere Lockerung in der Geldpolitik.

Auch an der Wall Street wächst die Zuversicht. Nahezu alle führenden Banker haben erklärt, das Schlimmste sei überstanden. Jetzt stimmt auch US-Finanzminister Henry Paulson in den Chor der Optimisten ein: "Wir sind näher am Ende als am Anfang der Probleme", sagte er.

Unabhängige Ökonomen sehen jedoch die Gefahr, dass der Finanzsektor durch eine Rezession von einem zweiten Schock erfasst wird. "Die Krise ist noch lange nicht ausgestanden", sagt Nouriel Roubini von der Stern School of Business in New York. Große Geschäftsbanken wie Citigroup und Bank of America haben ihre Risikovorsorge für Kreditausfälle massiv erhöht. Sie befürchten, dass die vom Hauspreisverfall gebeutelten Verbraucher in der Rezession auch bei Konsumentenkrediten in Zahlungsrückstand geraten und so den Banken neue Verluste bescheren. Die Finanzkrise, über deren Ende sich die Banker bereits freuen, hätte sich also nur verlagert und käme wie ein Bumerang zurück.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Widersprüchliche Signale

Risikofaktoren
Die Pessimisten halten die Hoffnungen auf ein baldiges Ende der Finanzkrise für verfrüht. Sie rechnen vielmehr damit, dass auf die Banken durch Zahlungsausfälle im Konsumentengeschäft eine weitere Abschreibungswelle zurollt. Die fallenden Hauspreise (Foto) sind immer noch die Hauptsorge der Pessimisten.

Die daraus resultierenden Vermögensverluste drücken direkt auf den Konsum. Zusätzlich wird der private Verbrauch von den hohen Rohstoffkosten gedämpft. Das Fazit: Solange Amerika die Exzesse des vergangenen Kreditbooms nicht wirklich korrigiert hat, besteht keine Aussicht auf Besserung.

Hoffnungswerte
Die Optimisten rechnen allenfalls mit einer milden Rezession in den USA, die bereits am Ende des Jahres überstanden sein soll. Sie stützen sich dabei auf die ersten Signale für ein baldiges Ende der Finanzkrise. Bessere Kreditbedingungen für Verbraucher und Unternehmen würden für neuen Schwung sorgen.

Kredite waren in den vergangenen Jahren der wichtigste Treibstoff für das Wachstum in den USA. Hilfe kommt außerdem aus dem Ausland. Durch den extrem schwachen Dollar sind die amerikanischen Waren auf dem Weltmarkt billiger und damit wettbewerbsfähiger geworden. Die Exporte stützen die Wirtschaft mit einem Wachstum von zuletzt 5,5 Prozent. In der zweiten Jahreshälfte wird auch das Konjunkturprogramm der US-Regierung greifen. Die Steuerrabatte von bis zu 1 200 Dollar pro Familie sollen den schwächelnden Konsum wieder auf Touren bringen.

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WACHSTUMSPROGNOSEN DEUTSCHLAND

2009 2008
Consensus Economics 1,1 2,0
OECD 1,1 1,5
IWF 1 2
EU-Kommission 1,5 1,8
Frühjahrsgutachten der Institute 1,4 1,8
Bundesregierung 1,2 1,7
Sachverständigenrat 1,9