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25.05.2004 
Beobachter: Es kommt im Juni nicht wieder

Das A-Wort sorgt für Verwirrung

Der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) bezeichnet seit April die gegenwärtige Ausrichtung der Geldpolitik nicht mehr als „angemessen“. Nach neun Monaten der Angemessenheit steht die geldpolitische Ausrichtung nur noch „in Einklang“ mit der Preisstabilität. Seit April rätseln Finanzmarktteilnehmer über die Bedeutung dieses Schritts.

HB FRANKFURT/M. „Als ich das Statement las, verstand ich das als Signal, dass eine Zinssenkung näher rücken könnte“, sagt Joachim Fels, Europa-Chefvolkswirt von Morgan Stanley. „Aber in der Pressekonferenz des EZB-Präsidenten klang es gar nicht so.“ Die Verantwortlichen in der EZB sind sich bewusst, dass die Beobachter jedes ihrer Worte auf die Goldwaage legen und wählen daher die Formulierung zur Beurteilung der geldpolitischen Ausrichtung mit Bedacht. „Die Formulierungsvorschläge kommen von EZB-Chefvolkswirt Otmar Issing, werden vorab mit dem Präsidenten besprochen und im EZB-Rat diskutiert", berichtet ein Insider. Eine Ersatz-Formulierung für das A-Wort hatte der EZB-Rat zuvor erst zwei Mal gewählt, im Oktober 2001 und im Mai 2003. Beide Male folgte im nächsten Monat eine Zinssenkung.

Ähnlich bedeutsam ist es, wenn das Wort „angemessen“ ersatzlos entfällt, ohne dass zuvor eine Zinsänderung beschlossen wurde. Zwei Mal folgte dem Wegfall nach zwei Monaten eine Zinssenkung. Ein drittes Mal, im Mai 2002, entfiel das Wort, ohne dass eine Zinsänderung gefolgt wäre. Doch sind sich EZB-Beobachter einig, dass der EZB-Rat im Sommer 2002 eine Zinserhöhung vorbereitete, zu der es aber wegen enttäuschender Wirtschaftsdaten letztlich nicht kam.

Umgekehrt wurde die Bezeichnung „angemessen“ bisher fünf Mal nach vorheriger „Abwesenheit“ neu in die „Einleitenden Bemerkungen“ des Präsidenten aufgenommen. Dem folgte nie früher als nach drei Monaten eine Zinsänderung.

EZB-Chef Jean-Claude Trichet hat den Wegfall des A-Worts seit April damit erklärt, dass es zu sehr als Absage an jede Zinsänderung auf Monate hinaus verstanden würde. Was die Richtung einer möglichen Zinsänderung angeht, sei die Zentralbank jedoch offen. Manche Beobachter sehen das anders. „Natürlich können die Zinsen mittelfristig nach oben gehen“, meint dazu der Europa-Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Thomas Mayer. „Aber auf die kurze Frist, die die Finanzmärkte vor allem interessiert, kann eine Zinsänderung eigentlich nur nach unten gehen“, ist er sich sicher. Mayer rechnet ebenso wie Fels nicht damit, dass der EZB-Rat auf seiner nächsten Sitzung am 3. Juni das A-Wort wieder aus der Versenkung holt. „Auch wenn die letzten Wirtschaftsdaten positiv waren, wäre es für den EZB-Rat riskant, ein solch starkes Signal gegen weitere Zinssenkungen zu geben“, sagt Mayer.


Fallstricke für Deutsche

Ob das Wort „angemessen“, englisch „appropriate“, zur Beurteilung der geldpolitischen Ausrichtung in dem Statement auftaucht, das der EZB-Rat nach seinen geldpolitischen Sitzungen verabschiedet, ist mit das erste, was Finanzmarktteilnehmer interessiert. Wenn das Wort wegfällt oder durch eine andere Formulierung ersetzt wird, wie zuletzt im April, steht die Begründung dafür in der anschließenden Pressekonferenz meist im Mittelpunkt des Interesses.

Wer das Statement des EZB-Rats in der deutschen Übersetzung der Bundesbank liest, kann allerdings auf Glatteis geraten. So hieß es in der Bundesbank-Fassung des April-Statements, der geldpolitische Kurs sei „angemessen“, obwohl im englischen Text statt „appropriate“ der Ausdruck „in line“ verwendet wurde. Im „Editorial“ des EZB-Monatsberichts, in dem standardmäßig das EZB-Statement nachgedruckt wird, hieß es dagegen in der deutschen Fassung, die Zinsen stünden „in Einklang“ mit Preisstabilität. Die Editorial-Fassung wird von der EZB übersetzt.

Ein weiterer Fallstrick: Auf EZB-Deutsch hießen die Zinsen auch gelegentlich „geeignet“ statt „angemessen“, wenn sie „appropriate“ waren.

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