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05.08.2008 
Inflation bekämpfen oder Konjunktur stützen?

Das Dilemma der Notenbanken

von Norbert Häring und Rolf Benders

Deutlich wie selten wird in dieser Woche der Gegensatz zwischen den Notenbanken der USA und Europas hervortreten. Am heutigen Dienstag kommt die US-Notenbank Federal Reserve zu einer geldpolitischen Sitzung zusammen, am Donnerstag die Europäische Zentralbank (EZB) sowie die Bank von England (BoE). Alle drei Notenbanken kämpfen mit demselben Dilemma.

Die EZB hat sich selbst das Ziel gegeben, die Inflationsrate unter zwei Prozent zu halten. Foto: dpaLupe

Die EZB hat sich selbst das Ziel gegeben, die Inflationsrate unter zwei Prozent zu halten. Foto: dpa

NEW YORK/FRANKFURT. Die hohen Energiepreise haben die Inflationsraten auf vier, in den USA sogar auf fünf Prozent hochgetrieben. Dadurch stehen europäische wie US-amerikanische Währungshüter unter Druck, mit höheren Zinsen gegenzusteuern. Auf der anderen Seite sprechen weltweit zunehmende Rezessionssorgen und Probleme der angeschlagenen Finanzbranche dafür, die Konjunktur und die Banken mit möglichst niedrigen Zinsen über Wasser zu halten.

Am offensten hat die Bank von England diesen Widerstreit der Argumente benannt. „Für alle Mitglieder des geldpolitischen Rates war diese Entscheidung schwierig“, hieß es im Protokoll der letzten Sitzung, bei der einige Notenbanker für eine Zinssenkung stimmten, ein Mitglied sich aber für eine Zinserhöhung starkmachte.

In diesem Zwiespalt haben sich die Zentralbanken bislang für ganz verschiedene Wege entschieden. Die Federal Reserve, die laut ihrem Mandat gleichgewichtig für Preisstabilität und hohen Beschäftigungsstand sorgen soll, hat trotz des Inflationsanstiegs unbeirrt an ihrem Notstands-Zinsniveau von nur zwei Prozent festgehalten. Damit ist der reale Leitzins, also der Zins nach Abzug der Inflationsrate, seit geraumer Zeit deutlich negativ.

Nicht nur ihr flexibleres Mandat ohne konkretes Inflationsziel macht es der Federal Reserve leichter, den Inflationsanstieg auszusitzen. Die US-Notenbank nimmt als Maßstab eine Teuerungsrate, aus der schwankungsanfällige Preise wie die von Nahrungsmitteln und Energie herausgerechnet sind. Diese Kernrate der Inflation ist viel niedriger als die umfassende Rate.

Anders als ihr amerikanischer Counterpart haben EZB und BoE dagegen den Auftrag, sich vorrangig um Preisstabilität zu kümmern. Die EZB hat sich selbst das Ziel gegeben, die Inflationsrate unter zwei Prozent zu halten. Daher hat sie ihren Leitzins im Juli noch auf 4,25 Prozent erhöht. Die BoE will die Teuerung zwischen einem und drei Prozent halten. In beiden Fällen sind die zuletzt stark gestiegenen Energie- und Nahrungsmittelpreise mit eingerechnet. Eine Stabilisierung der Konjunktur ist für beide Notenbanken dagegen nur ein Nebenziel. So haben die Briten zwar seit dem Jahreswechsel schon einige Zinssenkungen beschlossen. Mit fünf Prozent ist der Leitzins aber immer noch der höchste unter den drei Zentralbanken – obwohl in Großbritannien die Häuserpreise mit Raten um die 20 Prozent fallen und die Wirtschaft ziemlich deutlich auf eine Rezession zusteuert.

Mit ihrer harten Haltung zieht vor allem die EZB Kritik auf sich. „Die EZB scheint den Konjunkturabschwung verpasst zu haben, so wie 2000/2001“, kritisiert Laurent Bilke, EZB-Beobachter der US-Investmentbank Lehman Brothers, der noch vor nicht allzu langer Zeit selbst an den Konjunkturprognosen der Notenbank beteiligt war.

In dieser Woche werden sich alle drei Notenbanken nach einhelliger Ansicht der Analysten mit Nichtstun aus der heiklen Affäre ziehen. Mit großer Spannung warten die Beobachter aber darauf, was sich aus den Kommuniqués und Pressekonferenzen über die weiteren Absichten der Währungshüter schließen lässt.

Derzeit herrscht an den Märkten die Erwartung vor, dass die Notenbanken noch länger unterschiedliche Wege beschreiten werden. Danach würde die Federal Reserve erst gegen Jahresende allmählich beginnen, ihren Leitzins anzuheben. Die EZB könnte ihre Zinsen dagegen bis weit in das nächste Jahr hinein unverändert lassen. Es gibt allerdings viele Analysten und Investoren, die durchaus mit schnellen Zinsschritten von EZB und Fed rechnen – nur in welche Richtung, da sind sie sich herzlich uneinig. Bei der Bank von England überwiegt wegen des starken Wirtschaftsabschwungs die Erwartung von Zinssenkungen.

Die jüngste Leitzinserhöhung hat der EZB viel Kritik eingetragen. Zwischen den zerstrittenen Lagern im 21-köpfigen EZB-Rat hat der Schritt jedoch zu einer Art Moratorium geführt. Die Inflationsbekämpfer um Bundesbankpräsident Axel Weber drängen nicht mehr auf weitere Zinserhöhungen. Und diejenigen, die sich vor allem um die Konjunktur sorgen, halten ebenfalls still. Der EZB-Rat, der vor der Zinserhöhung noch den Eindruck tiefer innerer Zerrissenheit machte, gibt seither nach außen hin ein selten harmonisches Bild ab.

In den USA wird dagegen ungewöhnlich offen über den richtigen Kurs debattiert. US-Notenbankchef Ben Bernanke selbst erklärte jüngst die Bekämpfung des Preisauftriebs vor dem Repräsentantenhaus zur „Top-Priorität“. Trotzdem dürften er und die anderen Mitglieder des Offenmarktausschusses das Risiko scheuen, mit einer Zinserhöhung die lahmende Konjunktur endgültig in die Rezession zu stürzen.

Vor allem der angeschlagene Bankensektor würde von einer Leitzinserhöhung zusätzlich getroffen. Weil die Institute in der Vergangenheit zu sorglos Kredite vergaben und die Schuldner nun nicht mehr zahlen können, sind bereits sieben Banken in die Pleite gerutscht. Um noch Schlimmeres zu verhindern, hatte Bernanke die Zinsen in nur sieben Monaten um 2,75 Prozentpunkte heruntergeschleust und so die Refinanzierungskosten der Banken gesenkt. Eine Zinserhöhung würde diese Bemühungen nun torpedieren.

Dennoch wollen einige US-Geldpolitiker, darunter der Notenbank-Gouverneur von Texas, Richard W. Fisher, die negativen Folgen einer Zinserhöhung in Kauf nehmen, um eine Inflationsspirale zu verhindern. „Die amerikanischen Beschäftigen werden reagieren“, orakelte Fisher jüngst in einem Interview. Seine Furcht: Steigende Löhne zum Ausgleich der Inflation würden den Preisauftrieb weiter anheizen. Das könne zu einer sich selbst nährenden Aufwärtsspirale der Teuerung wie in den 70er-Jahren führen, die dann in die schwere Rezession der frühen 80er mündete. Deshalb stimmte er auf der letzten Fed-Sitzung für eine Zinserhöhung.

„Krise nimmt Europa stärker mit als die USA“

Handelsblatt: Seit die Europäische Zentralbank Anfang Juli den Leitzins auf 4,25 Prozent erhöht hat, ist die Inflation im Euro-Raum weiter gestiegen. Stehen uns deshalb weitere Zinserhöhungen ins Haus?

Thomas Mayer: Man kann es nicht ganz ausschließen, weil die EZB ziemlich besorgt ist. Aber der Inflationsgipfel dürfte erreicht sein. Ich denke, die schwache Konjunktur wird weitere Zinserhöhungen verhindern.

Muss die EZB nicht gegensteuern, damit die hohe Inflation nicht zu überzogenen Lohnerhöhungen führt?

Das ist derzeit keine so große Gefahr. Die Unternehmen können Lohnsteigerungen wegen der schwachen Nachfrage kaum überwälzen. Lohnerhöhungen werden eher zu Arbeitslosigkeit führen als zu weiteren Preissteigerungen.

In den USA liegen Inflationsrate und Konjunkturlage ähnlich wie im Euro-Raum, aber der Leitzins ist viel niedriger. Ist die Federal Reserve zu lax oder die EZB zu restriktiv?

Ich erwarte, dass sich der derzeitige Kurs der Federal Reserve als angemessener herausstellen wird. Nächstes Jahr werden wir kaum noch über Inflationsgefahren reden, aber viel über die schlechte Konjunkturlage. Die EZB hat in einen bereits recht deutlichen Konjunkturabschwung hinein den Leitzins erhöht. Das war gewagt, weil es den Abschwung verstärkt und die Gefahr einer echten Rezession erhöht.

Hat die EZB den Abschwung nicht gesehen?

Ihre Prognosen von Juni deuten darauf hin. Sie waren schon aus damaliger Sicht recht optimistisch. Inzwischen ist klar, dass die Aussichten deutlich schlechter sind. Auch nach dem Platzen der New-Economy-Blase hat die EZB geglaubt, der Euro-Raum könne sich vom Abschwung abkoppeln. Deshalb hat sie die Zinsen später und weniger gesenkt als die Federal Reserve. Diesmal hat die EZB sogar den Leitzins noch erhöht. Ich fürchte, es wird kommen wie damals: dass der Euro-Raum von der Krise stärker mitgenommen wird als die USA.

Aber stehen wir nicht besser da, weil es im Euro-Raum keine solchen wirtschaftlichen Ungleichgewichte gibt wie in den USA?

Das halte ich für ein Gerücht. Auch in Spanien, Irland und Frankreich gab es Exzesse am Immobilienmarkt. Das Platzen dieser Blasen wird die Wirtschaft unseres Währungsraums schwer in Mitleidenschaft ziehen.

Thomas Mayer ist Chefsvolkswirt Europa der Deutschen Bank.
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