Wie sollten die Aufsichtsbehörden auf die Finanzkrise reagieren?
In den vergangenen Jahren haben wir zu stark auf Selbstregulierung und Marktdisziplin gesetzt. Wir brauchen jetzt klare Regeln, die im Sinne einer direkten Regulierung auch durchgesetzt werden müssen. Eine verstärkte Finanzaufsicht ist deshalb unumgänglich.
Besteht die Gefahr, dass eine Überregulierung das Wachstumspotenzial der Wirtschaft mindert?
Man muss vermeiden, dass neue Regeln wichtige Finanzinnovationen und damit eine effiziente Allokation von Ersparnissen und Investitionsmitteln verhindern. Davon sind wir jedoch noch weit entfernt.
Wird die Rezession in den USA den Rest der Welt mit in den Abgrund reißen?
Ich glaube nicht an die Abkopplung anderer Wirtschaftsräume von den USA. Wenn wir hier eine schwere Rezession erleben, werden das auch andere Teile der Welt über die Kanäle des Handels, der Währungen und der Finanzmärkte zu spüren bekommen.
Wie stark ist Europa betroffen?
In Großbritannien, Irland und Spanien muss man aufgrund der dortigen Immobilienkrisen ebenfalls mit einer Rezession rechnen. Außerdem sind viele europäische Firmen als Kreditnehmer direkt von der Kreditklemme betroffen. Die Konjunktur in Deutschland wird wesentlich vom Export und nicht von der Binnennachfrage getragen. Ein Abschwung in Amerika wird deshalb auch die deutsche Wirtschaft treffen, zumal die Exportunternehmen durch den starken Euro noch zusätzlich belastet werden. Ich rechne deshalb mit einem deutlichen Abschwung auch in Deutschland.
Wie soll die Europäische Zentralbank darauf reagieren?
Ich glaube, es ist ein Fehler, auf Zinssenkungen zu verzichten. Die Wachstumsrisiken für Europa sind wesentlich größer als die Inflationsgefahren.
Wo sehen Sie die richtige Balance zwischen Wachstumsförderung und Sicherung der Preisstabilität?
Man muss zwischen den verschiedenen Regionen der Welt unterscheiden. In den USA ist die Inflation sicher das geringste Problem. Durch eine Rezession wird der Preisdruck noch weiter abnehmen. Ich rechne damit, dass die Rohstoffpreise um mindestens 20 Prozent fallen werden. Hier gibt es ganz klar eine Spekulationsblase. In Europa wird man sich noch wundern, wie stark das Wachstum zurückgeht. Das wird dann auch die Inflationssorgen mindern. In Japan rechne ich mit einer Rezession. Das wir die Inflationsrate wieder ins Minus drücken.
Stellt der Dollarverfall eine größere Gefahr für die Weltwirtschaft dar?
Es gibt Anzeichen dafür, dass sich der Dollar seiner Talsohle nähert. Leute sagen heute schon, dass man mit Euro in New York billiger einkaufen kann als in Bangkok. Der Euro ist also deutlich überbewertet. Ab Mitte des Jahres rechne ich außerdem damit, dass der Abschwung in Europa und die Erwartung auf Zinssenkungen durch die EZB den Euro schwächen werden. Der Dollar kann zwar noch für eine Weile auf 1,60 zum Euro absacken. Wenn die Konjunktur in Europa jedoch nachlässt, wird er sich auf 1,50 Dollar zum Euro einpendeln. Der gleiche Trend trifft auf den Yen zu.
Muss sich die Welt nach den Präsidentschaftswahlen im November auf einen neuen Protektionismus im Weißen Haus gefasst machen?
Ich glaube nicht, dass Hillary Clinton oder Barack Obama Amerika abschotten wollen. Es wird aber sehr wohl darum gehen, die Globalisierung verträglicher zu machen, so dass möglichst viele Menschen die Früchte des Freihandels ernten können.
Lesen Sie weiter auf Seite 4: Nouriel Roubini – der Kassandra-Rufer




