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19.12.2007 
Größte Liquiditätsspritze der Geschichte

Europäische Zentralbank flutet Geldmarkt

von Marietta Kurm-Engels und Norbert Häring

In einer beispiellosen Stützungsaktion hat die Europäische Zentralbank (EZB) am Dienstag in den Geldmarkt eingegriffen. Um die Spannungen in diesem Markt zu entschärfen, stellte sie den Banken 348,6 Mrd. Euro Liquidität zur Verfügung. Banksvolkswirte begrüßten die Maßnahme, Entwarnung geben Ökonomen aber noch lange nicht.

EZB-Tower in Frankfurt: Die Währungshüter haben den Geldmarkt mit Liquidität in Rekordhöhe versorgt. Foto: dpaLupe

EZB-Tower in Frankfurt: Die Währungshüter haben den Geldmarkt mit Liquidität in Rekordhöhe versorgt. Foto: dpa

FRANKFURT. Die Märkte reagierten sofort auf den Eingriff der EZB. Es ist der höchste Betrag, den die Zentralbank in ihrer bisherigen Geschichte in einem Hauptrefinanzierungsgeschäft zugeteilt hat. Erstmals seit Monaten gelang es den Währungshütern, die mittelfristigen Geldmarktsätze massiv zu drücken. Der Zins für Ein-Monats-Geld sank um fast einen halben Prozentpunkt.

Damit lagen die Zinsen aber weiterhin stark über dem Euro-Leitzins von vier Prozent, während sie in normalen Zeiten nur wenige Basispunkte abweichen. Da die Banken wegen der Unsicherheit durch die US-Hypothekenkrise kaum Geld verleihen, waren die Geldmarktsätze in den vergangenen Wochen massiv gestiegen. Auch die Aktienmärkte reagierten positiv auf die Transaktion. Der Deutsche Aktienindex drehte am Mittag ins Plus und schloss bei 7 850 Punkten. Vor allem die Finanzwerte profitierten.

Bankvolkswirte begrüßten die großzügige Maßnahme der Währungshüter. „Das hilft dem System, über die Spannungen zum Jahresende hinwegzukommen“, sagte Thomas Mayer, Chefvolkswirt Europa der Deutschen Bank, dem Handelsblatt. Nach Ansicht von José Alzola, Chefökonom der Citigroup, „macht die EZB genau das Richtige“. Mit ihrer massiven Liquiditätszufuhr helfe sie den Banken dabei, in ihren Bilanzen aufzuräumen.

Auf Veranlassung der US-Notenbank Fed hatten am vergangenen Mittwoch fünf Zentralbanken konzertierte Aktionen gegen die Spannungen am Geldmarkt angekündigt. Beteiligt waren neben der Fed die EZB, die Bank of England, die Schweizerische Nationalbank und die Bank of Canada. Die Bank of England stützte gestern den britischen Geldmarkt mit 20,2 Mrd. Pfund.

Die Notenbanken reagieren mit ihren Interventionen auf die globale Krise an den Kreditmärkten, die von Problemen am US-Immobilienmarkt ausgelöst wurde. Ausfälle bei zweitklassigen Hypotheken (Subprime) haben zu dramatischen Wertverlusten bei verbrieften Krediten geführt. Da laufend neue Abschreibungen bei den Finanzinstituten bekanntwerden, haben die Banken ihr gegenseitiges Vertrauen verloren. Dadurch ist der Geldmarkt, auf dem die Banken sich untereinander mit Liquidität versorgen, fast ausgetrocknet.

Bereits am Montag hatte die EZB mitgeteilt, dass sie zu einem Zinssatz von 4,21 Prozent praktisch beliebig Liquidität in den Markt geben werde. Zu diesem Satz wurde nach Auskunft der EZB auch das Gros des Tenders zugeteilt, der bis zum 4. Januar, also über den Jahreswechsel hinaus, läuft. Er liegt 186 Mrd. Euro über dem, was nach EZB-Prognosen zum Ausgleich von Angebot und Nachfrage erforderlich gewesen wäre. Die normale Laufzeit der Hauptrefinanzierungsgeschäfte ist eine Woche.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Einige Banken „haben rote Ohren bekommen“

Einige Banken hatten das EZB-Angebot, zu 4,21 Prozent beliebig zuzuteilen, offenbar überlesen. Sie boten bis zu 4,45 Prozent, zu denen dann auch zugeteilt wurde. „Die haben rote Ohren bekommen, als sie das gesehen haben“, sagte ein Insider. Insgesamt gaben 390 Banken Gebote für 377,1 Mrd. Euro ab.

Entwarnung geben die Ökonomen allerdings noch lange nicht. Für Citigroup-Ökonom Alzola zeigen die immer noch hohen Sätze bei Dreimonatsgeld, die gestern nur wenig sanken, dass „das Problem tiefer geht und uns noch Monate oder gar Quartale begleiten wird“. Die Banken hätten weiterhin reichlich Bedarf, Verbindlichkeiten zu refinanzieren. Auch für Mayer heißt die Stützungsaktion nicht, dass damit auch die Spannungen im neuen Jahr schon beseitigt wären. „Wir erleben zurzeit die zweite Phase der Banken- und Kreditkrise“, sagte er. In der ersten Phase im Sommer sei in erster Linie der Geldmarkt unter den Banken verstopft gewesen. Seit November seien dazu Verstopfungen am Kapitalmarkt gekommen.

„Die Banken haben Schwierigkeiten, sich über den Kapitalmarkt durch die Ausgabe von Schuldverschreibungen zu refinanzieren“, erläuterte Mayer. Sie versuchten diese Lücke mit Zentralbankgeld zu füllen. Die Zentralbanken gäben den Geschäftsbanken zurzeit Überbrückungskredite, bis sich die Verspannungen am Kapitalmarkt wieder gelöst hätten.

Dass die Krise längst noch nicht ausgestanden ist, bestätigt auch eine neue Prognose der EU-Kommission. Die Kreditkrise, der teure Euro und hohe Ölpreise bedrohten das Wachstum in der Euro-Zone, heißt es in einer gestern veröffentlichten Konjunktureinschätzung. Die Kreditkrise auf den Finanzmärkten könnte auf die übrige Wirtschaft überspringen, warnte die Kommission.

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OECD 1,1 1,5
IWF 1 2
EU-Kommission 1,5 1,8
Frühjahrsgutachten der Institute 1,4 1,8
Bundesregierung 1,2 1,7
Sachverständigenrat 1,9