Was wäre eine dritte Lehre?
Dass man das eigene Risiko-Management in den Banken und auch die eigene Risiko-Beurteilung stärken muss. Darauf habe ich schon im Bereich des Liquiditätsmanagements verwiesen. Der Punkt ist aber grundsätzlicher. So sollte die eigene Risiko-Einschätzung Vorrang haben vor externen Ratings, zum Beispiel durch Rating-Agenturen.
Ist nicht der EZB-Rat dabei, zugunsten der Finanzmärkte die Preisstabilität zu vernachlässigen?
Die Inflationsrate liegt bei über drei Prozent. Unser Ziel ist und bleibt auf die Preisniveaustabilität in der mittleren Frist ausgerichtet. Wir haben deutlich gemacht, dass die gegenwärtigen Preisschübe bei Nahrungsmitteln und insbesondere bei Öl sowie Energie die Inflation kurzfristig erhöhen. Wir erwarten, dass die Preissteigerungen mittelfristig wieder in Richtung unserer Stabilitätsnorm zurückgehen, wobei die Risiken nach oben gerichtet sind. Wir werden tun, was notwendig ist und in unserer Macht steht, um die Inflationsrate und damit die Inflationserwartungen mittelfristig bei unter zwei Prozent zu verankern. Das ist unser Versprechen an die Märkte und an die Bevölkerung des Euro-Raums.
Sehen Sie nicht die Gefahr, dass die Finanzkrise auf die reale Wirtschaft des Euro-Raums übergreifen könnte?
Natürlich werden wir von den Finanzmarktentwicklungen konjunkturell nicht unberührt bleiben. Wir haben aber für den Euro-Raum keinen Anlass, eine Kreditklemme oder eine massive Abkühlung der Konjunktur zu befürchten. Die europäische Konjunktur ist solide. Wir sehen aber zwei Abwärtsrisiken. Das eine ist: Die US-Wirtschaft hat sich deutlich abgekühlt. Dadurch kann es zu einer Konjunkturdämpfung auch bei uns kommen.
Und das zweite Risiko?
Es kann aufgrund der höheren Refinanzierungskosten in Teilsegmenten der Kreditmärkte zu dämpfenden Effekten auf die Kreditvergabe kommen. Wir sehen aber keine Anzeichen für eine Kreditklemme. Auch wenn im Euro-Raum die Kreditvergabebedingungen zuletzt leicht verschärft wurden, so geschah dies nach einer lang anhaltenden Periode gelockerter Vergabebedingungen. Zudem wachsen die Kredite, insbesondere Ausleihungen an nichtfinanzielle Unternehmen, gegenwärtig unverändert stark. Doch trotz der Risiken gilt: Die Widerstandsfähigkeit des Euro-Raums und gerade Deutschlands rechtfertigt und stützt zum gegenwärtigen Zeitpunkt für beide Wirtschaftsräume die Prognose eines Wachstums von leicht unter, aber in der Nähe des Wachstumspotenzials.




