Acht Fragen an Dennis Snower
„Schwellenländer werden abwärts rauschen“

Nach Meinung des Präsidenten des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel, Dennis Snower, wird die US-Wirtschaft enorm geschwächt aus der Finanzkrise hervorgehen. Im Interview mit dem Handelsblatt erklärt der 57-Jährige welche Auswirkungen das auf Europa hat, und ob die Finanzkrise unterm Strich einen langen Abschwung der Weltwirtschaft auslösen wird.

Seit Tagen überschlagen sich die Ereignisse an den Finanzmärkten. Welche Folgen wird das längerfristig für die Weltwirtschaft haben?

Die US-Wirtschaft wird enorm geschwächt aus dieser Krise hervorgehen. Bis wir erste Anzeichen einer Erholung sehen, wird bedeutend mehr Zeit als ein Jahr vergehen. Zum einen warten noch erhebliche finanzielle Risiken. Zum anderen werden sich die bislang bekannten Bankpleiten verzögert auf die Investitionen, den Arbeitsmarkt und den Konsum auswirken.

Wie wird sich die Schwäche der USA auf den Rest der Welt, vor allem Europa, auswirken?

Der US-Dollar wird voraussichtlich noch schwächer. Dadurch wird die Bedeutung des Euros als Reservewährung erheblich steigen. Einige Länder im fernen und mittleren Osten werden langsam auf den Euro umsteigen. Denn was sollte sie dazu bringen, eine Währung zu halten, deren Wert fällt und deren Wirtschaft geschwächt ist? Das wird allerdings langsam passieren, weil auch diese Länder kein Interesse an einem Einbruch des Dollars haben.

Was heißt das also für Europa?

Es hat Nachteile, weil Europas Exporte teurer und damit weniger attraktiv werden. Aber auch Vorteile: Um die Währung verstärkt in Umlauf zu bringen, müssen die Länder, die den Euro als Reservewährung halten, mehr importieren als exportieren. Zudem wird sich der Inflationsdruck in Europa abschwächen.

Wird die Finanzkrise unter dem Strich einen langen Abschwung der Weltwirtschaft auslösen?

Ja, sie hat eine ungeheure Wucht. Selbst Wachstumstreiber wie der technische Fortschritt werden beeinträchtigt, Innovationen müssen schließlich finanziert werden. Dazu kommt noch ein zweites, langfristiges Phänomen: Seit dem Ende des Kommunismus 1990 ist das weltweite Arbeitsangebot um 30 Prozent gestiegen, weil Arbeitskräfte aus China, Teilen Indiens und Zentraleuropa auf die globalen Märkte geströmt sind. Dadurch sind die Löhne in Sektoren, in denen handelbare Güter und Dienstleistungen hergestellt werden, weltweit unter Druck gekommen. Dies dämpfte die Preisinflation. Zeitgleich begannen die Zentralbanken, Inflationsziele aufzustellen. Sie konnten durch das erhöhte Arbeitsangebot Geld ins System pumpen ohne inflationäre Auswirkungen. Diese verzauberten Zeiten sind zu Ende.

Welche Kraft haben die Schwellenländer, um entgegenzusteuern?

Keine. Sie werden voraussichtlich angesteckt und synchron abwärts rauschen. Erstens sind die Finanzsysteme eng verflochten und die Risiken damit gestreut. Zweitens können sie weniger exportieren, wenn in den Industrieländern die Nachfrage sinkt. Und drittens werden sie weniger Kredite bekommen, um zu investieren.

Gilt diese Prognose auch für China?

Ja, und das ist aus meiner Sicht das deprimierendste. Noch wächst die chinesische Wirtschaft gut. Aber wenn das Land weniger exportieren wird, weil das Ausland weniger nachfragt, wird auch hier der Konsum sinken. Die Schlussfolgerung liegt auf der Hand: Wenn die Wirtschaft langsamer wächst, wird weniger investiert.

Sie halten den Rettungsplan der amerikanischen Regierung offenbar für sehr wenig zielführend?

Der Paulson-Plan hat eine fatale Schwäche: Entweder zahlt die US-Regierung weniger für das Vermögen, als es wert ist – dann hätten die Banken zu wenig Kapital. Oder der Staat zahlt ihnen zu viel – dann würden ausgerechnet diejenigen belohnt, die verantwortungslos gehandelt haben.

Wie konnte es zu solch einem Plan kommen?

Meine einzige Erklärung ist, dass der Staat zu viel zahlen wird und dieses Resultat aus der bedauerlichen Verflechtung der amerikanischen Finanzindustrie mit der US-Politik zustande kam. Um das zu ändern, brauchen wir nicht mehr Regulierung, sondern bessere.

Die Fragen stellte Dorit Heß.

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