Adam Posen, Peterson Institute: „Bernanke setzt seinen Ruf aufs Spiel“

Adam Posen, Peterson Institute
„Bernanke setzt seinen Ruf aufs Spiel“

Der stellvertretende Direktor des Peterson Institute for International Economics spricht über die Zinspolitik der Fed, den Nutzen der Liquiditätsspritze und die konjunkturellen Aussichten in den Vereinigten Staaten und Europa.

Handelsblatt: War es richtig von der US-Notenbank, die Zinsen bereits letzte Woche um 75 Basispunkte zu senken?

Adam Posen: Es war nicht optimal, aber ein Schritt in die richtige Richtung. Ökonomisch macht es keinen großen Unterschied. Ob vor sieben Tagen oder heute – das sind nur Nuancen.

Hat Fed-Chef Bernanke durch sein überstürztes Handeln nicht an Glaubwürdigkeit eingebüßt?

Den Vorwurf, dass die Fed die Aktienmärkte stützt, gab es schon vorher. Bernanke war wohl überzeugt, dass ein Crash auch die reale Wirtschaft beschädigt hätte und hat deshalb bewusst seinen Ruf aufs Spiel gesetzt.

Warum hat der US-Notenbank-Chef erst sehr zögerlich auf die Finanzkrise reagiert und geht jetzt umso aggressiver vor?

Den Kurswechsel hat die Fed bereits im November vollzogen, als Bernanke ankündigte, dass er alles tun werde, um eine Rezession abzuwenden. Bereits damals hat die Notenbank ihre Wachstumsprognose deutlich nach unten korrigiert.

Wird die Fed heute noch einmal die Zinsen senken?

Ja, ich rechne mit einer erneuten Lockerung um einen Viertelprozentpunkt. Die Zahl ist aber nicht so wichtig. Entscheidend ist das Signal, dass die Notenbank die Krise mit weiteren Zinssenkungen aggressiv bekämpfen will.

Helfen die Liquiditätsspritzen der Wirtschaft überhaupt?

Ich glaube ja. Selbst wenn die Banken wegen hoher Abschreibungen ihre Kreditvergabe einschränken, gibt es immer noch genug Kanäle, um billiges Geld in die Wirtschaft zu pumpen.

Warum haben die EZB und die Bank of England deutlich zurückhaltender auf die Krise reagiert?

Die wirtschaftlichen Aussichten in Europa haben sich noch nicht so stark eingetrübt wie in Amerika. Außerdem gib es insbesondere in der Euro-Zone noch einen spürbaren Preisauftrieb.

Hat sich Europa also wirtschaftlich von Amerika abgekoppelt?

Die Abhängigkeit ist sicher geringer geworden. Aber wir wissen noch nicht, ob europäische Banken schon alle Verluste offengelegt haben.

Hat die Finanzkrise nicht eine gemeinsame Führungsschwäche der Notenbanken offenbart?

Bei der EZB kann man das nicht sagen. Im Gegenteil: Sie hat Führungsstärke bewiesen und sehr entschieden auf die Kreditklemme reagiert.

Die Fragen stellte Torsten Riecke.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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