Alternativstrategie
„EZB fehlt Plan B“

Namhafte europäische Volkswirte kritisieren, dass sich die Europäische Zentralbank (EZB) im internationalen Vergleich zunehmend in eine Sonderrolle begebe. Sie fordern eine Alternativstrategie zur Zinssenkung – und werfen den Notenbankern vor, zu zögerlich zu handeln.

FRANKFURT. Anders als die amerikanische Federal Reserve (Fed), die Bank von England und andere wichtige Notenbanken habe die EZB keine erkennbare Strategie für den Fall, dass der Leitzins als bisher wichtigstes Instrument wirkungslos werde, beanstanden die Mitglieder des 2002 vom Handelsblatt ins Leben gerufen Beobachtergremiums EZB-Schattenrat. „Die EZB muss dringend einen Plan B offenlegen. Alle anderen wichtigen Zentralbanken haben das bereits getan“, gab Jacques Cailloux, Europa-Chefvolkswirt der Royal Bank of Scotland (RBS), die einhellige Meinung des 15-köpfigen Gremiums wieder.

Die Fed kauft seit geraumer Zeit kurzfristige Unternehmensanleihen und andere Papiere aus ausgetrockneten Märkten auf. Zudem steht sie nach eigenen Angaben jederzeit bereit, Staatsanleihen aufzukaufen, wenn sich das als nötig erweisen sollte. Ähnliches haben Finanzminister und Notenbank jüngst auch in Großbritannien verkündet. Dagegen gibt es von EZB-Präsident Jean-Claude Trichet bisher nur die Aussage, dass man grundsätzlich bereit sei, solche unorthodoxen Methoden in Erwägung zu ziehen. Mitglieder des EZB-Rats haben allerdings in den vergangenen Tagen vor allem betont, wie schwierig dies im multinationalen Kontext des Euro-Raums sei.

Wenn die Zentralbank Wertpapiere mit Geld aufkauft, das sie selbst schöpft, erhöht sie den Geldumlauf. Auf diese Weise könnte sie die monetären Bedingungen weiter lockern, selbst wenn ihr Leitzins bereits auf Null gefallen ist.

Kritisch betrachten die Ökonomen die Erklärung von EZB-Präsident Trichet, er wolle die Zinsen nicht „auf ein sehr, sehr niedriges Niveau“ senken, um nicht in eine Liquiditätsfalle zu geraten. „Das Problem in einer Liquiditätsfalle sind nicht die niedrigen Zinsen, sondern die Tatsache, dass selbst diese niedrigen Zinsen nicht mehr ausreichen, die Wirtschaft zu stimulieren“, meinte RBS-Chefvolkswirt Cailloux. Deshalb sei zur Abwehr einer solchen Situation gerade eine aggressive Zinssenkungspolitik gefordert.

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