Analyst: „Es ist noch zu früh zu sagen, die Zinsen haben den Boden erreicht“
EZB sieht keinen Bedarf für Zinssenkung

Die Europäische Zentralbank (EZB) geht weiter von einer langsamen Konjunkturerholung in der Euro-Zone noch in diesem Jahr aus und sieht daher auf absehbare Zeit keinen Bedarf für neuerliche Zinssenkungen.

Reuters FRANKFURT. Die Geldpolitik sei derzeit mit Blick auf die Aussichten für die Preisstabilität angemessen, sagte EZB-Präsident Wim Duisenberg am Donnerstag in Frankfurt nach der Entscheidung der Notenbank, die Leitzinsen unverändert zu lassen. „Ich kann nicht vorhersagen, wie lange wir auf diesem Kurs bleiben, aber ich würde erwarten, dass es für einen beträchtlichen Zeitraum gilt.“ Die Zentralbank hatte erst im Juni den Leitzins um 50 Basispunkte auf ein historisch niedriges Niveau von 2,00 Prozent gesenkt. Die Finanzmärkte reagierten kaum auf die weithin erwartete Entscheidung und Duisenbergs Ausführungen. Viele Analysten blieben bei ihrer Erwartung einer moderaten Zinssenkung im Herbst dieses Jahres.

Duisenberg: EZB hat ihren Beitrag geleistet

„Die vorliegenden Indikatoren signalisieren im Großen und Ganzen eine Stabilisierung, geben aber keinen Hinweis auf ein nachhaltiges Produktionswachstum und deutlich gestiegenes Vertrauen“, sagte Duisenberg weiter. Während an den Finanzmärkten inzwischen der Optimismus über eine Konjunkturbelebung gewachsen sei, gehe die EZB von einer sehr langsamen Erholung im zweiten Halbjahr und von einer Beschleunigung 2004 aus. Doch auch im kommenden Jahr werde das Wachstum nur schrittweise zulegen. Das historisch niedrige Zinsniveau stütze die Konjunktur und schirme sie gegen Risiken ab. „Der EZB-Rat wird natürlich weiterhin alle Faktoren sorgsam beobachten, die diese Feststellung verändern könnten.“

Risiken gingen vom hohen US-Leistungsbilanzdefizit aus und von nötigen Anpassungsprozessen im Unternehmenssektor. Konjunkturschwäche und die Euro-Kursgewinne sorgten unterdessen für ein günstiges Preisklima, fügte er hinzu. Nach Inflationsraten um 2 Prozent in diesem Jahr sei zu Jahresbeginn auch wegen Basiseffekten mit einem deutlichen Inflationsrückgang zu rechen. „Das Ziel stabiler Preise wird auf mittlere Sicht eingehalten.“

Viele Analysten rechnen trotz Duisenbergs Zinsäußerungen doch noch mit einer weiteren Lockerung der Geldpolitik später im Jahr, da die erhoffte Erholung der Konjunktur 2003 das dritte Jahre in Folge ausbleiben könnte. Einige blieben auch bei ihrer Vorhersage, dass die Währungshüter sich dazu im Herbst entschließen werden. „Die Tür für eine weitere Zinssenkung ist weiter offen, aber nicht mehr ganz so weit wie zuvor“, sagte Michael Schubert, Volkswirt von der Commerzbank. Darauf weise auch die abermalige Aufforderung Duisenbergs an die Regierungen hin, mit Reformen und Haushaltskonsolidierung ihren Beitrag zu mehr Wachstum zu leisten.

Duisenberg mahnte die Regierungen, am Stabilitätspakt festzuhalten: „Eine starke Verpflichtung zum Pakt und das Festhalten an der mittelfristigen Konsolidierungsstrategie würde einen bedeutenden Beitrag zur Stärkung des Vertrauens leisten.“ Die Geldpolitik habe mit dem niedrigsten Zinsniveau seit dem Zweiten Weltkrieg bereits ihren Beitrag zu besseren Bedingungen für die Konjunkturerholung geleistet.

Analysten: Euro-Entwicklung jetzt entscheidend

Nach Ansicht von Audrey Childe-Freeman von CIBC wollte Duisenberg nur die abwartende Haltung der Notenbank bekräftigen. „Es ist noch zu früh zu sagen, die Zinsen haben den Boden erreicht.“ Jetzt komme es auf die Wirtschaftsdaten und vor allem auf den Euro-Kurs an. Die Gemeinschaftswährung, deren Kursanstieg seit Jahresbeginn das Preisniveau gedämpft hat, hatte sich in den vergangenen Wochen wieder um einige US-Cents verbilligt. Doch viele Devisenexperten rechnen damit, dass der Euro bald erneut Höchststände von bis zu 1,20 Dollar erreichen wird - es sei denn, die wirtschaftliche Erholung in den USA nimmt kräftig Fahrt auf.

„Wir halten es weiter für etwas wahrscheinlicher, dass noch eine Zinssenkung kommt, weil wir über die Konjunktur nicht so optimistisch sind“, sagte Commerzbank-Volkswirt Schubert. Doch nun seien womöglich nur noch 25 Basispunkte zu erwarten. Joachim Fels von Morgan Stanley blieb bei seiner Einschätzung, die EZB werde im September oder Oktober die Zinsschraube lockern. „Duisenberg war sehr vorsichtig, nicht den Eindruck zu erwecken, die Zinsen hätten den Tiefpunkt erreicht“, sagte der Volkswirt und wies auf die Bemerkung Duisenbergs hin, der EZB-Rat werde alle Faktoren für den Preisausblick weiterhin aufmerksam beobachten. In den kommenden Monaten werde es keine klaren Anzeichen für eine Erholung geben. „Das sollte sie zu einer Zinssenkung bewegen.“

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%