Arbeit der Zukunft
„Qualifikation wird zur Verhandlungsmacht“

Derzeit blicken alle auf die Wirtschaftskrise und ihre Folgen für den Arbeitsmarkt. Doch kaum einer spricht über langfristige Szenarien jenseits der aktuellen Job-Krise. Lohnentwicklung, Arbeitszeiten, Zukunftsbranchen - wie die Arbeit der Zukunft aussehen wird, erklärt Arbeitsmarktexperte Hilmar Schneider.
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Herr Schneider, wie sieht sie denn aus, die Arbeit der Zukunft?

Es gibt eine große Entwicklungslinie, die deutlich über das Jahr 2020 hinausgeht: die Verlagerung unternehmerischer Risiken auf die Arbeitnehmer. In den 1960er Jahren dominierten industrielle Großbetriebe mit Massenproduktion. Die typische Form der Arbeitsorganisation war eine streng hierarchisierte. Mit Hilfe von Handbüchern war exakt geregelt, was wann zu tun sei. Das war die Blütezeit des Taylorismus. Inzwischen sind wir jedoch in vielen Bereichen des Arbeitsmarktes auf dem Weg in ein neue Welt. An die Stelle von Handlungsanweisungen treten immer häufiger Zielvereinbarungen. Wie die Arbeitnehmer diese Ziele erreichen, bleibt ihnen überlassen. Damit einher geht eine Verlagerung von strengen Hierarchien hin zu Teams, die sich selbst organisieren müssen. Die Umstellung betrifft auch die Entlohnungsformen: Erfolgsabhängige Lohnbestandteile bekommen immer größeres Gewicht. Bei all dem handelt es sich um Elemente, mit denen die Verantwortung auf Arbeitnehmer delegiert wird. Das kann auch unter dem Stichwort gefasst werden: Mitarbeiterbeteiligung statt Mitbestimmung. Die Arbeitnehmer werden also zu Unternehmern im Unternehmen.

Ist das denn ein positiver oder eine negativer Trend?

Ich glaube, es gibt keine Alternative dazu. Auf den ersten Blick könnte man denken, es handelt sich um eine Machtfrage: die Arbeitnehmermacht ist geschwächt, und darum gelingt es den Unternehmen, unternehmerische Risiken auf die Arbeitnehmer abzuwälzen. Das ist allerdings nicht die ganze Wahrheit. Denn gleichzeitig erhalten die Mitarbeiter auch mehr Spielräume und Freiheiten, sowohl zur Gestaltung ihres Arbeitslebens als auch zur Vereinbarung von Familie, Freizeit und Beruf. Was eine treibende Rolle spielt, ist die Tatsache, dass wir heute mit unseren modernen Produktionsmöglichkeiten in der Lage sind, sehr individual-spezifische Produkte herzustellen. Wenn ich noch einmal die 1960er Jahre als Hochphase der industriellen Massenproduktion zum Vergleich nehme: Da war es ein enormer Fortschritt, dass jeder einen Fernseher haben konnte oder ein Auto. Damit sind wir heute aber nicht mehr zufrieden. Und unsere technischen Möglichkeiten gestatten es uns zunehmend, individuelle Produkte herzustellen. Eines nicht allzu fernen Tages, wird es individuelle Autos geben, individuelle Kleidung, Brillen. In gewisser Weise alles Unikate - weil es uns technisch möglich ist, das zu machen.

Und das wirkt sich auf die Arbeitsorganisation aus.

Richtig. In einer Welt, die nach individualisierten Produkten verlangt, braucht man andere Strukturen als in der standardisierten Massenproduktion. Ein Unternehmen, das streng durchhierarchisiert ist und von oben nach unten auf die Bedürfnisse der Kunden reagieren will, ist da zum Scheitern verurteilt. Mitarbeiter müssen selbständig entscheiden können und auch eine gewisse Freiheit in der Ausgestaltung ihrer Aufgaben haben. Anders ist diese Anforderung der Individualisierung von Produkten nicht mehr zu leisten. Ein Unternehmen, das sich diese Art von Strukturen nicht auferlegt, geht einfach unter, weil es nicht flexibel genug am Markt agieren kann.

SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier verspricht in seinem Deutschland-Plan vier Millionen neue Arbeitsplätze bis 2020. Halten Sie das für realistisch?

Neu heißt nicht unbedingt zusätzlich. Wenn man die Sache wörtlich nimmt, sind vier Millionen neue Arbeitsplätze überhaupt kein Problem, dafür sorgt allein schon der Strukturwandel. Es werden ständig neue Jobs geschaffen, die es vorher nicht gab. Das heißt aber nicht, dass das alles zusätzlich ist. Vier Millionen zusätzliche Arbeitsplätze sind daher schon was anderes. In den 10 zurückliegenden Jahren ist die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland gerade mal um gut zwei Millionen gestiegen. Das waren aber keineswegs alles Vollzeitarbeitsplätze. Das Arbeitsvolumen in Stunden hat um etwa 500 Millionen Stunden pro Jahr zugenommen, das entspricht dann gerade noch 250 000 Vollzeitjobs. In dem Deutschland-Plan wird die Messlatte also sehr hoch gelegt. Selbst wenn wir ab sofort pro Jahr so viel zusätzliche Vollzeitjobs schaffen würden, wie in den letzten 10 Jahren zusammengenommen, würden wir das Ziel bis zum Jahr 2020 noch deutlich verfehlen. Mit anderen Worten: Dass wir bis 2020 unter dem Strich vier Millionen Jobs mehr haben werden als heute, das bezweifle ich doch sehr.

Das SPD will zwei Millionen Stellen in traditionellen Branchen schaffen, eine Million im Gesundheitswesen und je 500 000 in der "Kreativ- und Kulturwirtschaft" sowie durch weitere Dienstleistungen. Sind das wirklich die Zukunftsbranchen?

Nun, im Gesundheitssektor wird zwar aufgrund der Alterung der Gesellschaft der Bedarf größer. Dennoch werden wir hier keinen nennenswerten Zuwachs an Arbeitsplätzen bekommen. Mit den derzeit geltenden Konditionen - Kosten, Löhne - existiert absehbar keine Finanzierung. Es sei denn, wir drehen weiter an der Beitragsschraube für die gesetzliche Krankenversicherung. Das ist derzeit aber kaum vorstellbar. Im Augenblick sieht es eher so aus, dass in Deutschland das Problem durch Rationalisierungen und Schwarzarbeit gelöst wird. Was man beobachten kann, ist dass viele Haushalte die Notbremse ziehen und auf der Grenze von Legalität und Illegalität Pflegekräfte aus anderen Ländern ins Haus holen. Da gibt es ein enormes Wachstum, aber das lässt sich statistisch schlecht erfassen. Dass aus dieser Grauzone legale Beschäftigung wird, das kann ich mir kaum vorstellen. Zukunftsbranchen sieht das IZA in den modernen Informationstechnologien, in der Biotechnologie und in der Technik für regenerative Technologien.

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