Arbeitslosenzahlen
„Gefahr für Arbeitsmarkt noch nicht gebannt“

Überraschend deutlich ist die Zahl der Arbeitslosen im September auf 3,346 Millionen gesunken. „Dies ist jedoch keine Trendwende“, warnte jedoch der Vorstandschef der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise. Experten zeigen sich überzeugt: Die Arbeitslosigkeit wird die neue Regierung noch umtreiben.
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HB NÜRNBERG/WIESBADEN. Im Vergleich zum August sank die Erwerbslosenzahl um 125 000, wie die Bundesagentur für Arbeit (BA) am Mittwoch in Nürnberg mitteilte. Dies seien 266 000 Arbeitslose mehr als vor einem Jahr. Die Arbeitslosenquote sei im Monatsvergleich um 0,3 Punkte auf 8,0 Prozent gesunken. „Durch die Herbstbelebung ist die Arbeitslosigkeit im September deutlich zurückgegangen“, sagte Weise bei der Vorstellung des Arbeitsmarktberichts. Dies sei jedoch keine Trendwende. Insgesamt blieben die Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf den Arbeitsmarkt weiterhin spürbar. Neben der Kurzarbeit habe auch eine Änderung der Statistik die Arbeitslosenzahl gedrückt. Die saisonbereinigte Zahl der Arbeitslosen ging im September um 12 000 auf 3,461 Millionen zurück. Volkswirte hatten indes mit einem Anstieg um 30 000 gerechnet.

Zugleich meldete der Branchenverband VDMA einen Einbruch des Auftragseingangs im deutschen Maschinen- und Anlagenbau im August um 43 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Experten fürchten, dass in den kommenden Monaten immer mehr Unternehmen wegen Auftragsflauten um Entlassungen nicht mehr herum kommen. An den Finanzmärkten sorgten die Daten indes kaum für Bewegung.

Volkswirt Stefan Mütze von der Helaba verweist darauf, dass die Unternehmen ihre Stammbelegschaften nach Möglichkeit halten wollen. Die Kurzarbeiterregelung greife noch, die Nachfrage nach Kurzarbeit gehe aber schon leicht zurück. „Wir gehen dennoch davon aus, dass die Arbeitslosigkeit in den nächsten Monaten steigen wird – aber nicht so dramatisch wie noch vor Monaten befürchtet“, sagte Mütze. Die Helaba rechnet in diesem Jahr mit 3,5 Millionen Arbeitslosen im Jahresdurchschnitt und im nächsten Jahr mit 4,1 Millionen. „Dieser Anstieg ist noch moderat angesichts des Konjunktureinbruchs von rund fünf Prozent in diesem Jahr “, unterstreicht der Volkswirt. Andreas Scheuerle, Volkswirt der DekaBank, ist ebenfalls überzeugt, dass die Unternehmen es vermeiden wollen, Facharbeiter zu entlassen. Im vergangenen Aufschwung hätten sie die Erfahrung gemacht, wie schwer diese zu bekommen seien. Die Arbeitslosenzahlen werde, da sie immer zeitverzögert auf die Konjunktur reagierten, jedoch weiter steigen und im kommenden Jahr bis auf rund 4,2 Millionen klettern.

„Der Arbeitsmarkt zeigt sich in dieser Krise erstaunlich robust“, zeigt sich Volkswirt Peter Meister von der BHF-Bank überrascht. Anscheinend fange die Kurzarbeit noch viel auf. „Ich denke aber, dass wir solche Überkapazitäten aufgebaut haben in der Wirtschaft, dass die Kurzarbeit bald ausläuft und dann viele Firmen entlassen müssen“, warnt Meister. Die Schwäche am Arbeitsmarkt werde eher länger anhalten, also wenn die Konjunktur anziehe, werde es wohl noch keinen Aufschwung am Arbeitsmarkt geben. „Das Thema hohe Arbeitslosigkeit wird die neue Regierung über die nächsten Jahren beschäftigen“, prophezeit der Volkswirt.

Marco Bargel von der Postbank hält die aktuellen Arbeitsmarktdaten für eine Überraschung. „Der Einbruch der Industrieproduktion spiegelt sich bislang noch nicht in den Arbeitslosenzahlen wider“, meint er. Was die weitere Entwicklung angeht, ist Bargel skeptisch. „Bleibt eine deutliche Erholung der Industrieproduktion aus, wird die Arbeitslosigkeit sehr stark steigen“, sagte der Volkswirt. Die Gefahr für den Arbeitsmarkt sei noch nicht gebannt. Bis Ende 2010 dürfte demnach die Zahl der Arbeitslosen auf etwa 4,4 Millionen steigen.

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