Arbeitsmarkt
„Erfolge der Hartz-Reformen wohl eingebüßt“

Krisen treffen den Arbeitsmarkt immer zeitverzögert: Während es wirtschaftlich bereits wieder bergauf geht, erhalten viele Arbeitnehmer ihre Kündigungen. Angesichts dieses Phänomens versuchte die Politik schon immer gegenzusteuern - mit messbar mäßigem Erfolg, wie ein Blick zurück zeigt.
  • 0

DÜSSELDORF. Fünf Millionen Arbeitslose im kommenden Jahr - das ist ein Horrorszenario für jede neue Bundesregierung. Wer immer am 27. September in die Regierungsverantwortung gewählt wird, seine Hauptaufgabe wird es sein, diese Zahl wieder zurückzufahren. Doch die Mittel der Politik sind begrenzt und haben trotz guten Willens in der Vergangenheit häufig das Gegenteil bewirkt.

Ende der 1960er Jahre wurde die noch junge Bundesrepublik mit etwas konfrontiert, das während der Wirtschaftswunderjahre kein Thema war: Arbeitslosigkeit. 1966/67 kam es zur ersten Rezession der Nachkriegsgeschichte. Innerhalb eines Jahres stieg die Arbeitslosenquote sprunghaft an, für die von Vollbeschäftigung verwöhnte Gesellschaft ein Schock. Die Politik reagierte: Kanzler Kiesinger legte ein Konjunkturprogramm auf, das Investitionen im Bereich der Bahn, der Post und des Verkehrs sowie von Bildung und Forschung vorsah. Zwar zog die Konjunktur bereits im vierten Quartal 1967 wieder an, der Arbeitsmarkt brauchte jedoch einige Jahre, um sich wieder zu erholen. Erst 1970 fiel die Arbeitslosenquote im Jahresschnitt wieder auf das Niveau von 1966.

Ein Teil des Problems verschuldet der Staat dabei selbst, meint Kai Carstensen, Arbeitsmarktökonom am Münchner Ifo-Institut. "Seit den 1970er Jahren wurden die Sozialleistungen stark ausgebaut, was den Druck von den Arbeitslosen genommen hat." Das soziale Netz, das durch die Wirtschaftskrisen der dann folgenden 30 Jahre immer engmaschiger wurde, schwächte gleichzeitig auch die Anreize zur Arbeit ab.

In die Amtszeit von Willy Brandt fiel im Herbst 1973 die erste Ölpreis-Explosion, die in den Folgejahren einen Konjunktureinbruch in fast alle Sektoren der Wirtschaft auslöste. Zwar verhängte die Regierung einen Anwerbestopp für ausländische Arbeitnehmer. Bis dahin war die Zahl der so genannten Gastarbeiter auf 2,5 Millionen angestiegen. Trotzdem stieg die Zahl der Erwerbslosen weiter. 1974 wurde für die deutschen Unternehmen zum bis dato schlimmsten Pleitejahr. In der Folge verabschiedete der Bundestag ein Gesetz, dass Arbeitnehmern im Falle der Unternehmenspleite das volle Nettogehalt für die drei Monate vor Eröffnung des Konkursverfahrens zusicherte. Außerdem flossen 1,3 Milliarden Mark im Rahmen eines Konjunkturprogramms in die Sicherung von Arbeitsplätzen. Im ersten Quartal 1976 kratzte die Arbeitslosenquote dann erstmals an der Fünf-Prozent-Marke, dem höchsten Wert seit zwanzig Jahren. 1982/83 erschütterte die zweite Ölkrise die Wirtschaft, bis zum ersten Quartal 1985 stieg die Arbeitslosenquote auf 9,3 Prozent an.

Seite 1:

„Erfolge der Hartz-Reformen wohl eingebüßt“

Seite 2:

Kommentare zu " Arbeitsmarkt: „Erfolge der Hartz-Reformen wohl eingebüßt“"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%